Kultur : Zuckerguss

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf verrät

keine Oratorienrezepte

Langsam wird es höchste Zeit: Damit Weihnachten keine Pannen passieren und das Fest durch Misshelligkeiten verpatzt wird, sollte man sich tunlichst rechtzeitig in Stimmung bringen – nicht anders als ein Opernsänger, der sich schon lange vor Aufführungsbeginn einsingt, um anschließend auch den richtigen Ton zu treffen. Der Einzelhandel tut zwar schon sein Möglichstes, um ein bisschen vorweihnachtliche Atmosphäre herbeizuzaubern, aber das reicht natürlich noch lange nicht. Bleibt also wieder einmal die Musik, die als Besinnungskatalysator jetzt so wichtig ist wie sonst das ganze Jahr über nicht. Vor allem natürlich die Klassik, die auch dieses Jahr wieder reichlich akustisches Weihnachtsgebäck anbietet: Bachs Weihnachtsoratorium ist vermutlich älter als jedes Lebkuchen-Rezept und schmeckt immer noch, solange nur die Zutaten gut sind. In beiden Fällen wirkt sich übrigens zuviel Zuckerguss nachteilig auf den Gesamtgeschmack aus.

Doch davon soll hier nicht die Rede sein, ebenso wenig von dem barocken Kleingebäck an Suiten und Concerti Grossi, dass zahllose Kammerensembles dieser Tage zu bunten Tellern schichten (in zuverlässiger Qualität etwa die Berliner Barock Solisten am Sonntag und Montag im Kammermusiksaal). Der verbleibende Platz dieser letzten Klassik-Kolumne des Jahres soll vielmehr denen gewidmet sein, die tapfer gegen den Strom der jauchzenden, frohlockenden Massen schwimmen: Dem Berliner Sinfonie-Orchester beispielsweise, das am Sonnabend im Konzerthaus mit Andrey Boreyko den Begriff des fertigen, abgeschlossenen Werks hinterfragt: Neben Schuberts „Unvollendeter und dem Adagio aus Mahlers Zehnter stehen Charles Ives’ „Unanswered Question“ und als besonderer Leckerbissen der rekonstruierte Satz von Beethovens Zehnter (!) auf dem Programm. Oder das Rundfunk-Sinfonieorchester , das am Sonntagnachmittag in der Philharmonie mit seinem Chef Marek Janowski zwar etwas konventionellere Klassikpflege betreibt, aber mit dem jungen Chinesen Yundi Li einen der heißesten Namen im Klassikgeschäft zum ersten Mal in Berlin präsentiert. Natürlich spielt der Gewinner des Chopin-Wettbewerbs auch diesmal Chopin. Das sollte man auf keinen Fall verpassen. Auch wenn dann die ganze Weihnachtsstimmung zum Teufel ist.

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