Kultur : Zug gen Süden

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Christine LemkeMatwey folgt Thielemann und Nagano nach München

Früher war alles klar. Da galt München dank seiner Biere und seines Musiklebens als heimliche Hauptstadt der Republik und Berlin als schnoddrig und arm. Heute hat sich alles egalisiert. Auch die Bayernmetropole nämlich – noch vor kurzem das Dorado für exquisite Musikergagen – dreht mittlerweile jedes Kulturfünferl dreimal um. Worin Berlin reichlich Übung hat.

Wenn Christian Thielemann, der Chef der Deutschen Oper Berlin, demnächst also seinen Vertrag bei den Münchner Philharmonikern unterschreibt, und Kent Nagano, der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, gerade erklärte, dass er seinen künstlerischen Schwerpunkt ab 2006 ebenfalls an die Isar verlege, als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, dann bedeutet dies – wie immer im Leben – zweierlei. Erstens, dass der komplette Maestro mindestens zwei Standbeine braucht, nämlich eines in der Oper und eines auf dem Konzertpodium. Das war weder bei Furtwängler noch bei Karajan je anders, und dass Daniel Barenboim seit Jahren gleichzeitig der Berliner Lindenoper vorsteht und dem Chicago Symphony Orchestra, darüber regt sich längst niemand mehr auf. Zweitens zeugt es nicht eben von hauptstädtischem Selbstbewusstsein, wenn man in Doppelspitzen wie diesen nichts anderes sieht als Erpressungswerkzeuge. Warum nicht vielmehr großzügig teilen? Auch in München, wie gesagt, ist der Lack ab. Wenn Thielemann je von seinem dortigen Sonderausstiegsrecht Gebrauch macht (sobald der künstlerische Etat um mehr als 10 Prozent sinkt oder die Anzahl der festbestallten Philharmoniker unter 120 fällt), dann sieht er keinen müden Euro. Keine Apanage auf Lebenszeit, kein Schmerzensgeld. Willkommen in der Wirklichkeit, möchte man den Münchnern zurufen. So schlimm ist es jenseits des Weißwurstäquators nämlich auch nicht.

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