Kultur : Zug um Zug

Aus der Werkstatt eines Verwandlungskünstlers: Bruno Preisendörfers Roman „Die letzte Zigarette“

Ulrich Rüdenauer

Vielleicht hat man es bei ihm mit einem Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Phänomen zu tun oder auch nur mit einem literarischen Chamäleon. Im Frühjahr erschien im Münchner Liebeskind Verlag, weitgehend unbemerkt, Bruno Preisendörfers Erzählungsband „Die Beleidigungen des Glücks“. Ein kleines Wunder an Zurückgenommenheit und Präzision waren die darin enthaltenen Geschichten, ein schwereloses Umkreisen menschlichen Sehnens und Scheiterns, phänomenologische Studien über Glück und Unglück. Sätze gibt es darin, die stechen ungewöhnlich klar aus dem stofflichen Grau der Geschichten heraus.

Die unspektakuläre Kunst dieses Autors war beeindruckend. „Sie hat sich an ihre Betrübnis gewöhnt. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie von ihrer Trauer einfach erdrückt wird“, heißt es einmal. Preisendörfer, als Literaturkritiker und Essayist auch den Lesern dieser Zeitung bekannt, erzählt von den „Beleidigungen des Glücks“ mit einer beglückenden Sachlichkeit und gleichzeitig fesselnder Dringlichkeit.

Preisendörfer, 1957 in Unterfranken geboren, kann aber auch anders – und er hat es schon bewiesen: Mit seinem vor vier Jahren unter dem Pseudonym Bruno Richard bei S. Fischer erschienenen Roman „Desaster“, in dem ein ominöses „Apocalyptic Angel Movement“ das World Wide Web bedroht, legte er einen temporeichen Berlin-Thriller vor. Und jetzt „Die letzte Zigarette“. Um Teufel komm raus geht es in diesem „Liebesroman“ heiter zu. Wenn man es nicht besser wüsste, niemand würde ihn dem Autor der „Beleidigungen des Glücks“ zuschreiben.

Es gab in den letzten Jahren eine fatale Tendenz, feuilletonistisches Schreiben zur Literatur zu erklären. Dieses zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass man dem Leser erstens nicht zu viel zumuten darf und zweitens ihn unter allen Umständen bei Laune halten muss. Wirkung ist dabei nicht das Ergebnis erzählökonomischer Strenge und poetischer Stärke, sondern die Summe amüsanter Effekte: Die Pointe zählt. In dieser Gefahr steht auch „Die letzte Zigarette“.

Ein erfolgloser Schriftsteller erinnert sich darin, umnebelt von Zigarettenrauch, an die Frauen seines Lebens. Sie heißen Melanie, Carmen, Philine, Anne, Kreta und Paula, und sie alle rauchen. Unser Schriftsteller jedoch möchte damit aufhören, sinniert über die Liebe und die Zigarette, zitiert berühmte Raucher, Filme und Bücher herbei – darunter Italo Svevos „Zeno Cosini“, den berühmtesten Roman über die letzte Zigarette –, er schreibt einen historischen Roman über Jean Nicot, den wir in Auszügen lesen dürfen.

Das ist alles sehr lustig, aber von großem Interesse ist es nicht: ein ironischer „Liebesroman“ für die gebildeten Schichten, kokett und anspielungsreich. Weniger die Lust am Text als die Lust am Zitat treibt „Die letzte Zigarette“ an: „Alle glücklichen Raucher gleichen einander. Die unglücklichen jedoch sind stets auf ihre eigene Weise unglücklich“ – so hebt der Text mit einem abgewandelten Tolstoi-Satz an. Auf den nächsten 200 Seiten begegnen wir Thomas Mann und seinem Hans Castorp, Jean-Jacques Rousseau, Luis Bunuel und fast allen auf dem Markt befindlichen Zigarettensorten (samt Angabe der Inhaltsstoffe).

„Die letzte Zigarette“ ist ein Künstler- und Plauderroman, dem Komik, schöne Einfälle und ein hoher stilistischer Reiz nicht abzusprechen sind. Er funktioniert auch als Persiflage auf Ratgeberbücher, und die vertrauliche Anrede des „verehrten Lesers“ und der „geliebten Leserin“ bemüht sich um augenzwinkernde Kumpanei. Die allerdings verliert spätestens nach 50 Seiten ihren Charme. Was er danach noch zu sagen hätte, dauert eigentlich nur eine Zigarette – und nicht zwei oder drei Schachteln.

Nachsatz: Neulich erzählte ein Kollege, er habe gerade seinen ersten Artikel ohne Zigarette geschrieben. Es sei ein Wagnis gewesen, da er von frühester Jugend an geraucht habe. Der Artikel sei auch nur mit Hilfe von Nikotinpflastern zustande gekommen. Ob er denn zufrieden gewesen sei? Ja schon, meinte er, aber er habe dabei so gelitten, dass er sich zur Belohnung gleich wieder eine ansteckte. Vielleicht sollte er sich einmal bei Bruno Preisendörfer Rat holen: Der hat offenbar gleich auf die Langzeit-Therapie Roman gesetzt.

Bruno Preisendörfer: Die letzte Zigarette. Ein Liebesroman. Eichborn Berlin. Frankfurt am Main 2006. 198 S., 16,90 €. Die Beleidigungen des Glücks. Erzählungen. Liebeskind, München 2006. 268 S., 16,90 €. – Der Autor liest heute um 20 Uhr beim „Saisonauftakt“ im Literarischen Colloquium Berlin. Außerdem stellen sich mit ihren neuen Büchern vor: Melanie Arns, Frank Heibert, Tobias Hülswitt, Nina Jäckle und Thomas Weiss.

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