Kultur : Zuhause, das Zauberland

Dortmunds Filmfestival „femme totale“ zeigt den Frauenblick: von Bosnien bis Kabul

Silvia Hallensleben

Ein Topf mit Suppe muss reichen für die gemeinsame Mahlzeit. Nach dem Essen wird das Brot sorgfältig in ein Tuch gewickelt und beiseite gelegt. Danach sitzt man auf dem Sofa, sie strickt, er liest Zeitung. Es wird nicht viel gesprochen, doch der Umgang mit den Dingen und miteinander ist sorgsam. Abends wird aus dem Sofa ein Bett gemacht. Und die Kamera zieht sich aus dem intimen Fokus in die Totale zurück. Scheinbare Diskretion ist dies – und doch das Gegenteil: Denn erst mit zunehmender Distanz wird sichtbar, dass die Wohnstube nur ein Inselchen in einem Meer ähnlicher Inseln ist: zehn Quadratmeter Heimat in einer zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmeten Turnhalle in Bosnien. Privatsphäre gibt es nicht. Für die beiden Alten ist es dennoch Zuhause.

Flucht und Heimat

Der dokumentarische Kurzfilm „Kuca“ (Home) von Andrijana Stojkovic hat die diesjährige „femme totale“ in Dortmund eröffnet. Eine treffende Wahl, auch wenn der Film schon 1996 entstanden ist. Denn „Kuca“ beschreibt in nur acht Minuten prägnant jene Welten, die die neunte Ausgabe des Festivals mit diversen Mitteln auszuloten versucht. „No Place Like Home“ hieß das diesjährige Motto, und das Englisch sei verziehen. Schließlich ist der Satz als Filmzitat unübersetzbar. Außerdem gibt es für das Bedeutungsfeld des englischen „home“ kein deutsches Äquivalent: Vom heimischen Herd bis zum abstrakten Heimatbegriff, vom Daheim-Sein bis zum Department of Homeland Defense reicht das Spektrum. Und gerade das Spannungsfeld zwischen Geborgenheit – und auch Unheimlichkeit – des familiären Mikrokosmos und dem Verlust der Heimat durch Flucht und Migration war es, was die Festivalmacherinnen interessiert hat.

Als Zitat ist „No place like home“ der MGM-Produktion „The Wizard of Oz“ von Victor Fleming entnommen. Es ist die Zauberformel für die Heimkehr der kleinen Dorothy aus dem wunderbaren Land von Oz nach Kansas: Mehrmals muss sie ihn aufsagen, bis sie in ihrem Bett wieder aufwacht. Doch ist die Sehnsucht nach Heimat real oder nur ein sentimentaler Kindertraum? Salman Rushdie ging sogar soweit, Judy Garlands „Over the Rainbow“-Song zur „Nationalhymne aller Emigranten dieser Welt“ zu erheben.

Für die meisten Migranten aber scheint der Fluchtpunkt weniger im Zauberland „über dem Regenbogen“ zu liegen als in ein paar Baracken jenseits einer Grenze. „Paso inverso“ der Schweizer Filmstudentin Claudia Lorenz beschreibt die Bemühungen von Argentiniern schweizerischer Abstammung, der wirtschaftlichen Not zu entfliehen, indem sie ins Land ihrer Vorfahren zurückkehren. „A Hungarian Passport“ von Sandra Kogut zeigt mit Witz und Schärfe die bürokratischen Kämpfe um einen ungarischen Pass.

Doch auch daheim kann Heimat verlorengehen. Den palästinensischen Bäuerinnen in Alia Arasoughys „Das ist kein Leben“ haben die Planierraupen der israelischen Siedler die Ölbäume umgerissen, die sie seit Generationen mühselig kultivieren. Andere können vom Flüchtlingslager auf ihr Heimatdorf blicken. Umgekehrt illustriert die Hebroner Siedlerfamilie in Ruth Walks „The Settlers“ ihren Gebietsanspruch mit einem lebenden Familienbild: Hoch auf dem Berg über den arabischen Dächern gruppiert die jüdische Ideal-Mutter ihre Kinder zur Bibellesung um sich. Dahinter Zaun.

Afghanistan ohne Schleier

Ein wichtiger Teil des Festivals war dem Schwerpunkt Afghanistan gewidmet. Die kleine Auswahl historischer Dokumentarfilme aus dem Filmarchiv in Kabul hat auch Rückblicke in die Vor-Taliban-Zeit ermöglicht. Eigentliche Sensation war aber der aktuelle Dokumentarfilm „Afghanistan unveiled“, hinter dessen abgedroschenem Titel sich ein aufsehenerregendes Projekt verbirgt. Erstmals haben nämlich afghanische Frauen selbst die Kamera auf ihr Land gerichtet. Der Film ist Ergebnis eines Ausbildungsprojekts der Organisation AINA in Kabul für junge Kamerafrauen. Sieben Studentinnen haben zusammen mit der Regisseurin Brigitte Brault ihr Land bereist, um das Leben von Frauen vor allem in der Provinz zu dokumentieren. Für die jungen Kabulerinnen war es der erste Blick in ein Land, das ihnen bis dahin selbst fremd war. In ein Land, wo Hunger herrscht, wo gefoltert wird und die Folgen des Krieges den Menschen zu schaffen machen.

Die Idee der nordrhein-westfälischen Filmstiftung, die „femme totale“ mit der Kölner „Feminale“ zu einem „Leuchtturmevent“ zusammenzulegen, muss Kennern der Festivals absurd erscheinen, auch wenn beide sich speziell den Frauen verschrieben haben und durch einen Zweijahresrhythmus aufeinander abgestimmt sind: Zu unterschiedlich sind die Konzepte. Das „Internationale Filmfestival Dortmund“, wie die „femme totale“ sich im Untertitel nennt, ist mit seiner themenbezogenen, doch grenzüberschreitenden Vielfalt einzigartig. Weil sie sich im politischen Raum klar positioniert, ist die Veranstaltung der drohenden Beliebigkeit entgangen und hat an Profil gewonnen. Auch wenn die Planung zu einer Zeit stattfand, als der jüngste Krieg noch nicht begonnen hatte.

Wünschenswert wäre es nun, das Dortmunder Festival als Ort der Erkenntnis und Debatte weiter zu stärken.

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