Kultur : Zukunft von gestern

Man kennt dieses Foto von Craig Venter. Es zeigt ihn in seiner Genom-Fabrik. Von unten aufgenommen, vor einem endlosen Gang voller Sequenzier-Computer. Venter schaut von oben auf den Betrachter herab. Ein General vor seinen Soldaten. Die Monitore scheinen zu salutieren. Ich greife nach der Macht, sagt dieses Bild. Es hat etwas Dämonisches. Venter ist der Mann, der unser Erbgut entziffert hat und darauf ein Imperium namens Celera errichten wollte. Ein allwissendes Unternehmen, dass aus dem Genom herauslesen würde, welche Krankheiten, Charakterschwächen, sexuellen Vorlieben wir besitzen, und der gleich mit einer Therapie zur Hand wäre. Dachten wir. Denn dieser Traum ist zu Ende, Venter als Präsident von Celera zurückgetreten. Er wird vorerst kleinere Brötchen backen müssen.

Eine neue Nüchternheit ist bei Celera und in der ganzen Biotechnik-Szene eingekehrt. Die Firma, mit der Venter in den Börsenhimmel und den wissenschaftlichen Olymp stürmen wollte - Unternehmer und Forscher in einer Person -, will nun ganz normale Medikamente herstellen. Pillen, die man schlucken kann. Was heutzutage zählt, sind Details, nicht Visionen. Ein geschickter Dreh an einem Molekül kann aus einem Abfallprodukt ein Heilmittel und eine Gelddruckmaschine für Aktionäre machen.

Craig Venter, der Mensch und Wissenschaftler, lebt weiter. Aber Craig Venter, der Popstar für Eingeweihte, der Kulturrevolutionär, existiert nicht mehr. Damit endet der kurze Sommer der biotechnischen Utopie. Dabei hatte der Forscher so perfekt in das Schema gepasst, ihm erst Leben eingehaucht. Jenes aufregend neue Bild, das Zeitungen wie die "Frankfurter Allgemeine" plötzlich von der Welt zeichneten. "Europa schläft!" stieß der Kulturteil der Zeitung aus. Da war der Computerpionier Ray Kurzweil, der von der Ablösung der Menschheit durch perfekte Computer träumte, und sein Widerpart Bill Joy, der diese Idee ins Düstere verkehrte und vor der Versklavung durch biologisch-organische Mischwesen à la "Terminator" warnte.

Die Zukunft gehörte den Rechenmaschinen und den Gen-Bastlern. Man huldigte Leuten, die man in nüchternem Zustand als Nihilisten und Technokraten bezeichnet hätte. Venter, der Lebewesen mit Mini-Genom bauen wollte, schien die Brücke von den überspannten Fantasien zur Realität - und zur Kultur - zu schlagen: Lebewesen als Konstrukte, als minimalistische Kunstwerke. Künftig müsse der Gebildete "nicht mehr Hugo von Hofmannsthal, sondern Craig Venter kennen", schrieb die "Welt". Ein bedrohlicher Unterton war da im Spiel: Wenn du ihn nicht kennst, wirst du ihn noch kennenlernen.

Und heute? Die "Frankfurter Allgemeine", die einst Venters Prophet in Deutschland war, hat sich in Sachen "Biopolitik" längst einem konservativen Kurs verschrieben. Ernüchterung auch hier. Die Skepsis hat gesiegt, die Euphoriker der Biotechnik sind konvertiert. Nach dem Ende des Bildersturms werden die Altäre wieder aufgestellt.

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