Kultur : Zukunft vorbei

„Zum schönen Feierabend“ im Berliner Gorki Studio

Christoph Funke

Das Heute ist eine Fiktion, die Zukunft längst Vergangenheit. Annette Reber spielt in ihrer Familiensaga „Zum schönen Feierabend“ mit Geschichte unter eigensinniger Aufhebung logischer Zeitabläufe. Albträume, die das Hier und Jetzt hervorrufen mag, sind bis in die Mitte des 21. Jahrhunderts vorausgedacht und zugleich weit zurückverfolgt. Eine Familie lebt im aufgegebenen Studio des ehemaligen, benachbarten Berliner (Gorki-)Theaters, Albaner haben die Arbeitsämter übernommen, in der Singakademie tirilieren Polen in deutscher Sprache, Lehrer und Schulen gibt es nicht mehr. Nun ja, da sieht es trübe aus für den greisenmunteren Revolutionär und den hypochondrischen Geisteswissenschaftler, für die sangesfreudige Bioladenkundin, die uralten Kinder namens Madonna und Rumsfeld. Und für den früheren Intendanten mit seinem Schranktheater sowieso. Wo die Reise der wie in der Zeit festgefrorenen Truppe hingeht, ist noch ungewiss.

Im Gorki Studio gibt es zunächst nur die Uraufführung des ersten Teils, „Die Singakademie singt“. Drei weitere Versuche sollen folgen: „Unter Ludern“ steht als erste Fortsetzung am 7. Februar auf dem Programm. Dass Bosheit und Witz beim „Schönen Feierabend“ nur so sprudeln, wäre allerdings eine wohlwollende Übertreibung. Was möglich sein könnte, wenn der Wohlstands-Tanker untergegangen ist, wird mit einiger Anstrengung auf die hohe, wandbreite Bühne des Studios gewuchtet, wobei sich kabarettistische Spitzigkeiten vor allem aus dem Insiderwissen über das Berliner Theatergeschehen nähren. Annette Reber hat ihren Text unter Mitarbeit von Adriana Altaras selbst inszeniert und gibt den Mimen um Ingolf Müller-Beck, Franziska Hayner und Hilmar Baumann reiche Gelegenheit zu unbedenklichem komödiantischem Treiben – mit wuchtiger Einleitung durch die hauseigene Gorki-Band.

Gorki Studio, wieder am 29. und 30. Dezember sowie vom 5. bis 7. Januar.

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