Zum 100. Geburtstag von I.M. Pei : Meister des Lichts

Geometrie und Sinnlichkeit: I. M. Pei ist der Grandseigneur der zeitgenössischen Architektur. Jetzt wird der chinesisch-amerikanische Architekt 100 Jahre alt.

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I.M. Peis Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museum in Berlin.
I.M. Peis Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museum in Berlin.Foto: Sören Stache/dpa

„Erstens Transparenz und zweitens Bewegung“, hat I.M. Pei geantwortet, als wir ihn vor zwanzig Jahren danach fragten, welche Kriterien er an ein heutiges Museumsgebäude anlegt. Das war in Berlin, als der Grandseigneur der zeitgenössischen Architektur, der er damals längst war, an der Spree weilte, um das von ihm geplante Ausstellungsgebäude des Deutschen Historischen Museums vorzustellen. Sechs Jahre später wurde es eröffnet und die Kritik verstummte, die Bundeskanzler Kohl einstecken musste, weil er Pei direkt und ohne Wettbewerb beauftragt hatte.

So war es häufig, wenn I. M. Pei baute. Am lautesten in Paris, wo Staatspräsident Mitterrand ihn für sein Lieblingsvorhaben des „Grand Louvre“ ausgewählt hatte und Pei ihm 1993 eine gläserne Pyramide in den weitläufigen Hof des Museumskomplexes stellte. Frankreich war empört – bis die Besucher zu Millionen durch Pyramide und Foyer in den Louvre pilgerten und begeistert waren von, ja: Transparenz und Bewegung.

Dass die Pyramide, seit sie mit Sicherheitsschleusen verrammelt werden musste, viel von der einladenden Geste verloren hat, konnte Pei nicht voraussehen. Heutzutage gelten Museen als besonders gefährdete „weiche Ziele“. Peis lebenslanges Bemühen um Transparenz ist nurmehr mit Melancholie zu betrachten, als Gruß aus besseren Zeiten.

Die USA wurden seine Wahlheimat

Sein Stern als Museumsarchitekt ging auf mit der Eröffnung des Ostflügels der National Gallery in Washington 1978. Ein scharfkantiges Dreieck, kompromisslos auf das schwierige Restgrundstück zugeschnitten, das im Inneren ein grandioses Foyer offenbarte; mit einem Treppenaufgang, auf dem die Besucher sich wie nie zuvor selbst erleben durften. Ieoh Ming Pei, 1917 im chinesischen Guangzhou geboren, ging bereits 1935 zum Studium erst ans MIT und dann zu Walter Gropius nach Harvard. Die USA wurden seine Wahlheimat; in China hat er, lange nach Mao, nur zwei Mal gebaut.

Als er in den siebziger Jahren seine ganz eigene Architektursprache entwickelte und zugleich einen Nerv der Zeit traf, hatte er eine gründliche Ausbildung und einen langen Berufsweg bereits hinter sich. Während sich zahllose Kollegen in den Spielereien der Postmoderne verlustierten, führte er die Architektur auf geometrische Formen und zeitlose Materialien zurück, balancierte aber das Statische durch die Dynamik von Transparenz und Bewegung aus.

Seht, wie schön ist es geworden. I. M. Pei im Ausstellungsgebäude des Deutschen Historischen Museums Berlin.
Seht, wie schön ist es geworden. I. M. Pei im Ausstellungsgebäude des Deutschen Historischen Museums Berlin.Foto: imago/Götz Schleser

Das bewegteste Element in Peis Bauten sind nicht einmal die Besucher, die auf den gern spektakulär eingefügten Rolltreppen auf- und abgleiten, sondern es ist das Licht. Das Sonnenlicht, das durch gläserne Dächer und großzügige Fenster einfällt, nie ganz direkt, sondern unmerklich gelenkt und, wo nötig, gedämpft. Wenn sich die filigranen Schatten der aus Stahlstreben gefügten Dächer auf natursteinernen Böden und Wänden abzeichnen, wenn sich das Licht quasi selbst ausstellt, wenn die Geometrie der exakt berechneten Foyers ausbalanciert wird von der Unberechenbarkeit von wenigen, genau platzierten Zierbäumen – dann ahnt der Besucher, dass der Architekt aus einer unendlich alten und reichen Tradition schöpft, deren Ideal es ist, Natur und Menschenwerk in Harmonie zu versetzen. Nicht in Stillstand, sondern ins Gleichgewicht.

Im Miho-Museum mitten in den Bergen Japans nördlich der Kaiserstadt Kyoto hat Pei dieses Ideal zur Perfektion getrieben. Sogar die Bäume, die sich beim Blick in den Himmel abzeichnen, wurden eigens dafür gepflanzt. 1997 wurde das Miho-Museum eröffnet, in dem Jahr, als der bereits 80-jährige Architekt wegen des DHM-Anbaus in Berlin weilte und sich ausdrücklich zum Erbe des Bauhauses und seiner Lehrer Gropius und Mies van der Rohe bekannte – scheinbar ein Paradox. Doch Pei hatte, als langjähriger Partner der großen Architekturfirma Pei Cobb Freed, bereits ein respektables Œuvre von Büro- und Verwaltungsbauten vorzuweisen, in denen das Vorbild von Mies und dessen Bürotürmen auf subtile Weise spürbar ist.

Jackie Kennedy war von seinem leisen Charme begeistert

Mit dem Auftrag für die John F. Kennedy-Bibliothek wurde er schlagartig bekannt. Den erteilte 1964 Jackie Kennedy, die sich vom Charme des zarten, leisen Mannes begeistert zeigte. Später baute er im texanischen Dallas ein dezidiert öffentliches Verwaltungszentrum. In Hongkong kam 1990 der 70-stöckige Wolkenkratzer der „Bank of China“ hinzu, an dem er seiner Liebe zum Dreieck freien Lauf ließ. Da zeigte Pei, dass „Bewegung“ auch der statischen Materie mitgegeben werden kann: in der Höherbewegung des von Diagonalstreben gehaltenen Baus, der sich bis zur Antennenspitze schrittweise verjüngt. Ein Aufwärtsstreben, an dem die russischen Konstruktivisten der zwanziger Jahre ihre helle Freude gehabt hätten.

I. M. Pei stand im Zenit seines Könnens und seines Ruhms. Den Zufällen von Wettbewerben wollte er sich längst nicht mehr aussetzen. Wer einen Entwurf von seiner Hand begehrte, musste ihn von dem Vorhaben überzeugen. So kam Pei dazu, das 2008 eröffnete Museum Islamischer Kunst in Qatar zu gestalten, für ihn – so würde er es nie sagen – ein Traumangebot, spielt doch gerade die islamische Architektur mit Licht und Schatten, mit Zeigen und Verhüllen. Und „Bauen im Kontext“ kann er auch, das bewies er mit dem vor zehn Jahren eröffneten Museum „Mudam“ in Luxemburg, das auf den Grundmauern und Restbauten eines alten Forts hoch über der Stadt entstand. Auch hier wieder Licht und Schattenspiele, feiner, heller Naturstein, aus Drei- und Vierecken komponierte Räume.

Noch etwas hat er vor 20 Jahren in Berlin gesagt: „Architektur darf nicht modisch sein. Sie braucht einen langen Atem“. Sein eigener Atem ist lang genug. Heute feiert I. M. Pei in der Wahlheimat New York seinen 100. Geburtstag.

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