Zum 100. Geburtstag von Marion Dönhoff : Ein Freundestreffen

Berühmte Gäste würdigten Marion Gräfin Dönhoff zum 100. Geburtstag. Mehr das Kondensat jahrzehntelanger Lobgesänge ließ die Runde dem Publikum allerdings nicht zuteil werden.

Bernhard Schulz

Ihren Ruf als Chronistin der deutschen Geschichte begründete 1962 ihr ostpreußisches Erinnerungsbuch "Namen, die keiner mehr nennt". Spätestens, als sie 1968 die Chefredaktion der "Zeit" übernahm, wurde Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002) zur Ikone des deutschen Journalismus. Drei Jahre später eröffnete die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels einen nie mehr abreißenden Strom von Ehrungen, zu dem nicht weniger als sieben Ehrendoktorwürden zählen. Die in Ostpreußen gutsherrschaftlich aufgewachsene, bei Kriegsende vertriebene, unter dem Eindruck von Willy Brandts Ostpolitik energisch den Ausgleich mit Polen suchende "Gräfin", wie sie nur mehr genannt wurde, passte so recht nach Hamburg: hochgebildet, liberalkonservativ, weltoffen, distinguiert. Neben dem Schreiben gewichtiger Leitartikel verfolgte sie zahllose Aktivitäten, die sie zur gesuchten Gesprächspartnerin der Mächtigen und Wohlmeinenden machten. 1996 gründete sie - mit hohem historischen Anspruch - die "Neue Mittwochsgesellschaft", deren Leitung heute Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker innehaben.

Am Mittwochabend trafen sich vier Mitglieder dieses Clubs, um unter Leitung des Dönhoff-Nachfolgers als "Zeit"-Chefredakteur, Theo Sommer, ein Erinnerungstreffen aus Anlass des 100. Geburtstags der Vielgeehrten zu veranstalten, und zwar in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, deren abendlicher Gastgeber im übervollen Leibniz-Saal, Ex-Präsident Dieter Simon, natürlich auch ein Mittwochs-Gesellschafter ist. Den in der CDU damals beileibe nicht unangefochtenen Weizsäcker hat die Gräfin 1984 ins Bundespräsidialamt geschrieben, Schmidt entfaltet dank seiner Mitherausgeberschaft der "Zeit" ein erstaunliches Alterswerk und wurde umgekehrt zu seinem 90. Geburtstag weidlich gefeiert, der Historiker Fritz Stern als Garant deutsch-jüdischer Aussöhnung und gleichfalls Friedenspreisträger darf nicht fehlen, und weil die Gräfin schon früher als andere wusste, dass die Grünen eine zutiefst bürgerliche Partei sind, ist als deren protestantische Ausprägung auch Antje Vollmer dabei.

Ja, was sollte man von einer solchen Zusammenkunft anderes erwarten als das Kondensat jahrzehntelanger Lobgesänge? Und das, nachdem die "Zeit" mit acht Seiten (!) über "eine Jahrhundertfrau" erschienen war, um deren "schier unglaubliches Leben" nachzuzeichnen? Es kam, wie zu erwarten war, wenn die Podiumsgäste einander auf hanseatisch anreden (Vorname plus "Sie"). Stichwortgeber Theo Sommer begann mit der Frage, wie ein jeder die Gräfin kennengelernt habe, und er ließ die Runde mit einer Abschlusswürdigung enden. Dazwischen hatte er die "drei großen Themen" der Dönhoff parat, den Widerstand gegen Hitler in Gestalt des 20. Juli 1944, die Entspannungspolitik und - mit dem Titel eines ihrer 20 Bücher - "Zivilisiert den Kapitalismus". Da zunächst die Mittwochsgesellschaft erläutert wurde, kam deren Impuls zur Sprache, "die Einheit mitgestalten" zu wollen, wie die bemerkenswert präzise Ante Vollmer sagte. Da hätte man gern etwas über Dönhoffs - mit den "Zeit"-Kollegen geteilte - Fehleinschätzung der DDR gehört. Das Ziel der Wiedervereinigung hat sie quasi bis zum Mauerfall als Verständigungshindernis gebrandmarkt. Damit stand sie wahrlich nicht allein; aber ex cathedra auf der Titelseite der "Zeit" verkündet, hatte es Gewicht. Weizsäcker zufolge ging es der Gräfin darum, "Verständigung mit den ehemaligen Kriegsgegnern zu finden, daher hat sie gerade in Richtung Polen große Leistungen vollbracht." Als völlig unfruchtbar erwies sich die Frage Sommers, inwieweit sie Preußin gewesen sei - Allgemeinplätze folgten, wo ein Wort über die ostelbische Aristokratie angebracht gewesen wäre, aus deren Verstrickung in die stur militärische Seite Preußens auch einer der Impulse des 20. Juli erwuchs.

Derlei gedanklich zu verbinden, hätte es eines anderen Abends bedurft. Dass Dönhoff sich bleibende Verdienste um das Andenken der adligen Widerständler erworben hat, wer wollte es heute noch bestreiten. Dass diese aber "nicht von Anfang an Heilige" waren, musste Helmut Schmidt nachtragen, der als junger Offizier zum Besuch von Freislers Volksgerichtshof abkommandiert worden war. Schnell war man dann beim Kapitalismus, der sich sogleich im "Bild vom Menschen" auflöste, an dem sich Dönhoff stets orientierte; wohl eine Art Mischung von Kantscher Ethik und Standeserziehung.

"Sie hatte keinen Vorgänger, und sie hat keinen Nachfolger", lieferte Weizsäcker - der sie seit Herbst 1945 kannte - dann schon fast das Schlusswort, und Schmidt ergänzte auf seine knappe Art, er sei "dankbar, dass ich sie gekannt habe". Beinahe von selbst versteht sich, dass nach knapp 80 Minuten keinerlei Diskussion mit dem Publikum mehr stattfand. Wenn diese Veranstaltung dem so außerordentlich hohen Maßstab genügt haben sollte, den Akademie-Präsident Simon in seiner Einleitung aufgerichtet hatte, dann kann man nur sagen: Derlei hätte das ("Zeit"-)Pressehaus am Hamburger Speersort auch hingekriegt.

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