Zum 100. Todestag von Henry James : Das Leben der anderen

Zum hundertsten Todestag wird Henry James als Pionier der Moderne gefeiert - mit neuen Veröffentlichungen. Er beobachtete mehr, als dass er selber lebte.

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Erster Transatlantiker. Henry James wurde 1843 in New York geboren und starb 1916 in London.
Erster Transatlantiker. Henry James wurde 1843 in New York geboren und starb 1916 in London.Foto: mauritius images

So groß ist die Verzweiflung des Vaters, dass sie sich gleich in einem doppelten Stoßseufzer Luft verschafft: „Sie wird an ihm kleben bleiben! Sie wird an ihm kleben bleiben!“ Seine Tochter ist an einen Hallodri geraten, und sie wird nicht mehr von ihm loskommen. In Wirklichkeit interessiert sich der Taugenichts aber nicht für sie – davon ist der Vater überzeugt –, sondern bloß für ihr Erbe. Deshalb wird er sie enterben, falls sie den Erbschleicher heiratet. Der Liebeskummer der Tochter gehört zu den Kollateralschäden dieser kalten väterlichen Entscheidung. An drei, vier schlaflosen Nächten, sagt er, „ist noch niemand gestorben“. Mit Leben und Tod kennt er sich aus, er ist schließlich Arzt.

Man könnte diesen Dr. Austin Sloper für ein Patriarchenmonster und einen Pfennigfuchser halten. Doch Henry James’ berühmtes Buch „Washington Square“, das um 1850 an ebenjenem Platz in New York spielt, ist tatsächlich ein Liebesroman. Nur dass er von der Liebe eines Vaters zu seiner einzigen Tochter handelt. Ums Geld geht es Dr. Sloper gar nicht, nur will er sich sein Kind nicht von einem Mann wegnehmen lassen, der es unglücklich machen wird. Der junge Stutzer taugt nichts, er löst die Verlobung, als er erfährt, dass für ihn nichts zu holen ist.

Er sezierte das Seelenleben seiner Figuren - zwanzig Jahre vor Dr. Freud

„Washington Square“ kam 1880 heraus, der Erfolg hielt sich damals in Grenzen. Denn mit lodernden Leidenschaften und melodramatischen Wendungen kann die Geschichte nicht dienen. So gnadenlos wie hier das Seelenleben der Figuren seziert wird, bleibt dem Leser bloß die desillusionierende Erkenntnis, dass – zwanzig Jahre vor den Schriften von Dr. Freud! – der Mensch nicht von Idealen, sondern von seinen Affekten und Leidenschaften getrieben wird. Keine Frage, mit diesem kalten Blick war „Washington Square“ seiner Zeit weit voraus.

Als Henry James am 28. Februar 1916 in London den Folgen von zwei Schlaganfällen erliegt, ist er ein kaum noch gelesener Autor. Seine heute als Meisterwerke geltenden Bücher „Die Flügel der Taube“, „Die Gesandten“ und „Die goldene Schale“ hatten nicht einmal ihren Vorschuss von 300 Pfund eingespielt. Die amerikanische Ausgabe seiner von ihm für „unrettbar unverkäuflich“ gehaltenen Memoiren brachte bloß fünfzig Pfund ein.

Doch mit seinem psychologisch grundierten Realismus hat der von Nachfolgern wie Philip Roth oder Colm Tóibín bewunderte Schriftsteller so sehr Maßstäbe gesetzt, dass sofort ein New Yorker Literaturprofessor jubelt: „Jonathan Franzen ist unser Henry James“, sobald ein Familienroman erscheint, der die 500-Seiten-Marke sprengt. Zum hundertsten Todestag kommen in Deutschland nun mehr als ein Dutzend Bücher heraus, darunter viele Erst- und Neuübersetzungen (siehe unten). Man müsste von einer Wiederentdeckung sprechen, wären James’ Werke in den letzten fünfzig Jahren, das zeigen schon die vielen Verfilmungen, eines garantiert nicht: vergessen.

Gut sind viele Bücher von Henry James vor allem, weil sie so genau sind. Seine Präzision erinnert an einen Fotografen. Oder an einen Aufnahmeleiter. Er hat nicht nur die Äußerlichkeiten der amerikanisch-europäischen Oberschicht in der Zeit um 1900 festgehalten, ihre Physiognomien und Kleidungsstücke, sondern auch die Marotten und Redensarten. Am Ende von James’ Leben kamen seine Romane und Erzählungen dem selbst formulierten Ideal einer „szenischen Literatur“ nahe, die fast nur aus Dialogen besteht, mitunter schneidend scharfen. Der Leser hat das Gefühl, Zaungast zu sein bei diesen Abendessen, Ballsoupers und Clubgesprächen. Viele der dabei behandelten Themen wirken noch immer erstaunlich aktuell. Das Aufbegehren des Individuums gegen Konventionen, der Kampf der Frauen um Teilhabe an der Welt. Ganz zu schweigen vom Streben nach Glück und Liebe.

Henry James tauschte das Erleben gegen das Beobachten ein, das war sein Glück und sein Verhängnis. „Er hatte sich früh in seinem Leben entschieden, persönlichen Tragödien aus dem Weg zu gehen“, schreibt Verena Auffermann in ihrer Bildbiografie über den Schriftsteller. „Er wollte das Leben der anderen betrachten.“ Als Außenseiter gleich in doppelter Hinsicht war er für die Position am Rande prädestiniert. Der Sohn einer wohlhabenden irischstämmigen Familie, 1843 in New York geboren, wurde schon als Säugling von der Familie auf die erste Grand Tour nach England und Frankreich mitgenommen, wohl auch deshalb, weil der Vater seinen Depressionen entfliehen wollte.

Spätestens, als der junge Schriftsteller sich 1875 in London niederließ, hatte er sich in einem Zustand fortgesetzter Heimatlosigkeit eingerichtet. Das Gefühl, ein Fremder zu sein, blieb auch, nachdem er von den wichtigsten Clubs aufgenommen worden war. Pro Jahr erhielt James hundert Einladungen zum Abendessen, aber jedes einzelne war für den in seinem Innersten ungeselligen Autor harte Arbeit.

Sein Werk - eine Meisterleistung der Sublimierung

„Ich will Dich sehen, mit Dir sprechen, Dich berühren, Dich lange und fest umarmen.“ Diese Liebesbekundung, die Henry James 1902 in einem Brief formulierte, war noch in den fünfziger Jahren ein Skandal. Denn sie galt einem Mann, dem Bildhauer Hendrik Andersen. Als eines der seltenen Dokumente, die die Homosexualität des Schriftstellers belegen, versuchte die Familie lange, seine Veröffentlichung zu verhindern. Es passte nicht in das Bild eines Schriftstellers, der in seinen Büchern wie kein zweiter das Eheleben sezierte, oft allerdings von verfehlten Ehen. Immer wieder verliebten sich Frauen in James, die Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson beendete sogar ihr Leben mit einem Sprung aus ihrem venezianischen Schlafzimmerfenster, weil der Autor so „kalt“ und „vollkommen ohne Verständnis für Frauen“ sei.

James entschied sich dafür, in der Kunst zu leben, sein gewaltiges Werk – bereits 1904 brachte er eine 24-bändige Ausgabe heraus – könnte als eine einzige Meisterleistung der Sublimierung verstanden werden. Doch der Verzicht auf ein Liebesleben geschah keineswegs freiwillig. Henry James verachtete Oscar Wilde, der anders als er Triumphe auf dem Theater feierte, als Autor, doch den Prozess gegen ihn, in dem der Rivale wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, verfolgte er mit großer Anteilnahme.

Vielleicht machte James deshalb immer wieder die Ausgestoßenen und Verachteten zu Helden seiner Geschichten: Weil er selber ein Gefährdeter war. Seine Novelle „Eine Dame von Welt“ handelt von einer reichen amerikanischen Witwe, die in die bessere Londoner Gesellschaft aufgenommen werden möchte. Aber diese Gesellschaft zeigt ihr die kalte Schulter, weil Nancy als mehrfach geschiedene, sexuell nicht domestizierte Frau gegen den viktorianischen Verhaltenskodex verstößt. Sie möchte „anders sein“, so ihr selbstbewusstes Credo, „weil alles andere auch anders ist“. In einer Umgebung, die auf Konformität im Denken und Handeln ausgerichtet ist, gilt sie mit diesem Wunsch nach Individualismus als „nicht ehrenwert“.

Er galt in Amerika als Europäer und in Europa als Amerikaner

Henry James, der in Amerika als Europäer und in Europa als Amerikaner galt, war ein großer Völkerpsychologe. In dem Roman „Die Europäer“ schickt er eine Baronin und ihren Bruder auf einen Besuch zu Verwandten in Boston. Amerika erscheint den hochnäsigen Besuchern als „Riesenjahrmarkt“, die Zivilisation als eine „Abfolge von Witzen“. Ebenso vernichtend fällt das Urteil über die Charaktereigenschaften der puritanischen Gastgeber aus: „Sie sind nüchtern, sie sind sogar streng. Sie sind vom nachdenklichen Schlag, sie nehmen alles schwer“. Trotzdem finden die Europäer am Ende ihr Glück in Form von Ehepartnern in der Neuen Welt.

Der Kosmopolit Henry James, der in London genauso zu Hause war wie in Paris, New York oder Venedig, nahm wenige Monate vor seinem Tod die britische Staatsbürgerschaft an, aus Protest gegen die amerikanische Nicht-Einmischung in den Ersten Weltkrieg. Das Urteil über sein eigenes Leben fiel bitter aus: Er sei „zu stolz, um glücklich zu sein.“

Neue Bücher

Einen umfassenden Überblick über Leben und Werk liefert Hazel Hutchison in ihrer Biografie Henry James (Parthas, Übersetzung: Ute Astrid Rall, 224 S., 24,80 €). Verena Auffermann widmet sich dem Autor mit ihrer Bildbiografie Henry James (Deutscher Kunstverlag, 95 S., 22 €) eher essayistisch.

Die „Salonerzählung“ Eine Dame von Welt erscheint erstmals auf Deutsch (Aufbau, Ü.: Alexander Pechmann, 174 S., 16,95 €). Eine Neuübersetzung von Henry James’ Satire Die Europäer kommt mit einem Nachwort von Gustav Seibt heraus (Manesse, Ü.: Andrea Ott, 244 S., 24,95 €).

Der Deutsche Taschenbuch Verlag veröffentlicht, teilweise in Neuübersetzungen, Klassiker wie die Erzählung Daisy Miller (Ü.: Britta Mümmler), die Geistergeschichte Das Durchdrehen der Schraube (Ü.: Karl Ludwig Nicol), den in Venedig spielenden Roman Die Aspern- Schriften (Ü.: Bettina Blumenberg) und das monumentale Porträt einer jungen Dame (Ü.: Gottfried Röckelein, 7,99 bis 14,90 €). Eine Neuübersetzung des Romans Was Maisie wusste erscheint bei Ars Vivendi (Ü.: Gottfried Röckelein, 343 S., 22,90 €).

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