Zum 100. von Hannah Arendt : Die Freiheit, anders zu denken

Ein Leben wider den Totalitarismus: Zum 100. Geburtstag der Philosophin Hannah Arendt

Thomas Wild

Wer die Aktualität Hannah Arendts verstehen will, muss nur den Berliner Stadtplan aufschlagen. Dort findet sich nahe dem Potsdamer Platz die Hannah- Arendt-Straße. Sie verbindet Wilhelm- und Ebertstraße, endet oder beginnt also bei Hitlers Reichskanzlei, führt quer über den ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer, begrenzt die südliche Seite des Holocaust-Mahnmals und rückt beim Blick über das Stelenfeld in Richtung Reichstag den Neubau der amerikanischen Botschaft in die Sicht. Eine Passage, die Perspektiven auf die deutsche Geschichte im totalitären 20. Jahrhundert aufreißt und zugleich in Arendts Leben und Denken führt.

Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung musste die 1906 in Hannover geborene Jüdin, die bei Martin Heidegger und Karl Jaspers Philosophie studiert hatte, ins Exil fliehen. Zunächst nach Paris, 1941 weiter nach New York, wo sie 1975 – längst amerikanische Staatsbürgerin – auch starb. Mit ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ (1963) über den Prozess gegen den NS-Verwaltungsmassenmörder Adolf Eichmann formulierte sie eine Beobachtung, die bis heute zu denken gibt: die Tatsache nämlich, dass schiere Gedankenlosigkeit und Realitätsferne „in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen vielleicht innewohnenden bösen Triebe“.

Den abgrundtiefen Bruch im 20. Jahrhundert, das Versagen aller moralischen Standards und die Zerstörung des Raumes für freies politisches Handeln, hatte Arendt bereits in ihrer epochalen Arbeit über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) zu beschreiben begonnen. Ihre Zusammenschau der beiden Totalitarismen von NS- und Stalinregime erhielt nach 1989 neue Brisanz.

Nach 1989 – diese Signatur gilt nicht nur für den Verlauf der Hannah-Arendt- Straße, sondern auch für die Tatsache ihrer Benennung nach der politischen Theoretikerin, die nach dem Geschichtsbruch der Schoa ein „Denken ohne Geländer“ forderte und praktizierte. Die Art und Weise nämlich, wie Arendt dieser Tage mit internationalen Konferenzen, Film- und Vortragsreihen, Ausstellungen und einer stattlichen Reihe neu erschienener Bücher geehrt und gefeiert wird, wäre vor 1989 kaum vorstellbar gewesen. Mehr als 500 der insgesamt 628 Titel, die die Deutsche Nationalbibliothek derzeit unter dem Stichwort „Hannah Arendt“ verzeichnet, wurden nach 1990 geschrieben. Ein halbes Dutzend deutscher Schulen trägt mittlerweile Arendts Namen, bald ziert ihr Konterfei sogar eine Briefmarke der Deutschen Post. Arendt ist eine Ikone des kulturellen Lebens geworden, sich positiv auf sie zu beziehen beinahe ein Akt politischer Korrektheit.

Das war nicht immer so, zumal in Deutschland. Die wechselnden Phasen von Aufmerksamkeit und Ablehnung gegenüber Arendt erzählen zugleich eine kurze politisch-intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik. Nach dem Krieg versuchte man sich an „Wiedergutmachung“ und ehrte die Jüdin deutscher Herkunft mit Auszeichnungen wie dem Lessing-Preis 1959. Ihr Totalitarismus-Buch erschien manchen Kalten Kriegern als geeignete Munition im antikommunistischen Kampf. Gesten der Vereinnahmung, denen sich Arendt zu widersetzen wusste. Während der folgenden Jahrzehnte bestärkte Arendts Eichmann- Bericht die Generation um 1968 zwar, ihre Väter schonungslos zu befragen. Aber als Verfechterin eines Republikanismus, wie ihn die Verfassung der USA formulierte, war Arendt für die linken Projekte der Zeit nicht zu gebrauchen. So wurde sie an den unsichtbaren Rand des intellektuellen Feldes gedrängt, dessen Zentrum die Theoretiker der Frankfurter Schule besetzten.

Erst als ab Mitte der 1980er Jahre immer mehr enttäuschte Linke nach intellektueller Neuorientierung suchten, jüdische Themen zunehmend Beachtung fanden und der Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten neue politische Fragen aufwarf, wurde auch die „Theoretikerin des posttotalitären Moments“ (Seyla Benhabib) wieder neu entdeckt.

Arendts Denken kennzeichnet die Dringlichkeit, Politik und Philosophie ins Verhältnis zu setzen. Was konnte angesichts der Katastrophenerfahrungen von Totalitarismus und Holocaust, vor der überlieferte Kategorien wie Mord oder Schuld versagten, noch Verbindlichkeit stiften zwischen den Menschen? Hat Politik vor dem Hintergrund von Gentechnologie und atomarem Overkill überhaupt noch Sinn? Die entscheidenden Gedanken hierzu entwickelte Arendt in ihrem Grundlagenwerk „Vita activa“ (1960), das zwei Jahre zuvor unter dem Titel „The Human Condition“ auf Englisch erschienen war.

Am prägnantesten aber formuliert ihren Zugriff eine Notiz aus dem Nachlass: „Der Sinn von Politik ist Freiheit.“ Damit ist eine Freiheit gemeint, die in der Spontaneität des Handelns erscheint: das Vermögen, etwas Neues anzufangen, das allen Menschen gegeben ist und im Faktum des Geborenseins begründet liegt. Diese Freiheit lässt sich nicht herstellen wie ein Gegenstand. Sie ist ein Erfahrungsschatz, der aber aus der Erinnerung verloren gegangen ist. Um diesen Schatz zu heben, geht Arendt an den Beginn der Tradition politischen Denkens zur Zeit der griechischen Polis zurück. Sie will die überlieferten Kategorien aufsprengen, die ursprüngliche Erfahrung des Handelns herauslösen und so ermöglichen, neu mit ihr umzugehen. Statt Denken mit Schlussfolgern und Politik mit der Herstellung einer „objektiv“ guten Ordnung gleichzusetzen, fragt Arendt: „Gibt es ein Denken, das nicht tyrannisch ist?“

Arendts Politikverständnis basiert auf der Einsicht, dass Menschen „im Plural“ existieren, dass nicht der Mensch, sondern die Menschen die Erde bewohnen. „Nicht die Vernunft, sondern die Einbildungskraft bildet das Band zwischen den Menschen“, notiert Arendt in ihrem „Denktagebuch“. Das Vorstellungsvermögen, an der Stelle jedes anderen zu denken, bildet für Arendt die Basis der politischen Urteilskraft: Urteilen bringt das Denken zurück in die Welt. Dieses Denken besitzt das freiheitliche Potenzial, „die Welt zu ändern“. Aber erst nach der Rückkehr aus dem einsamen Reich des Denkens in die gemeinsame Welt der vielen und Verschiedenen kann daraus eine politische Freiheit werden.

Hannah Arendt befragt die philosophische Tradition, aber formuliert keine eigene Philosophie; sie untersucht Erscheinungen totalitärer Herrschaft, ohne eine Theorie des Totalitarismus zu entwerfen; Arendt handelt über Schuld und Moral, doch hinterlässt keine Tugendlehre. Die Kraft ihrer Texte liegt darin, dass Arendts Denken an konkrete Geschehnisse gebunden ist wie der Kreis an einen Mittelpunkt. Dass sie den existenziellen Erfahrungen ihrer politisch-historischen Epoche nachdenkt und hierfür eine angemessene Darstellungsform sucht.

In diesem Zusammenhang ist die Vielfalt der Genres zu sehen, in denen Arendt schreibt: Artikel, Essays, Bücher, Briefe, Denktagebuch. Die Gestalt ihrer Texte führt immer noch und immer wieder zu Irritationen: Weil Arendt im besten Sinne undiszipliniert schreibt, an keine bestimmte akademische Disziplin adressiert und nicht zu irgendeinem „Forschungsstand“ beitragend. Wer Arendt auf „Positionen“ festlegen will – konservativ oder liberal, pro- oder antizionistisch, philosophisch oder soziologisch – übersieht das Entscheidende: die Bewegungen und die Beweglichkeit ihres Fragens, Staunens, Denkens.

Arendt hat es bewusst abgelehnt, eine eigene Denkschule zu begründen. Ihr Denken fasste sie nicht in einen Jargon, der Anpassung einfordert. Vielmehr vertritt sie wie Jaspers die Auffassung, jede tiefere Einsicht müsse popularisierbar und so formuliert sein, dass viele und nicht nur wenige Eingeweihte sie verstehen können. Auffallend oft webt Arendt ihren theoretischen Texten dichterische Passagen ein – von Sophokles oder Shakespeare über Goethe oder Rilke bis zu Kafka oder Valéry. Nicht, um die Fiktion ewiger Wahrheiten zu beschwören. Sondern als gleichursprüngliche Quellen des Wissens, denkerische Erfahrungen in eine Form zu bringen. Ein Verfahren, das auch Arendts Suche nach Traditionen nicht-tyrannischen Denkens Ausdruck verleiht.

Manchmal scheint vergessen zu werden, dass Arendt keine deutsche, sondern eine amerikanische Autorin ist. Fast alle ihre Bücher, Essays und Artikel erschienen zuerst auf Englisch, bevor die deutsche Übersetzung herauskam. Arendt wahrte den Atlantik als Zwischenraum zu Deutschland und Europa. Dort stand bildlich gesprochen ihr Haus, das nicht aus verfugtem Gestein bestand, sondern eine Tätigkeit war – die Tätigkeit des Verstehens, „durch die wir Wirklichkeit in ständigem Abwandeln und Verändern begreifen und versuchen, in der Welt zu Hause zu sein.“

Der Autor hat bei Suhrkamp gerade die Monografie „Hannah Arendt – Leben. Werk. Wirkung“ veröffentlicht. Im nächsten Jahr erscheint sein Buch über die Beziehungen zwischen Hannah Arendt und der deutschen Gegenwartsliteratur.

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