Zum 200. Geburtstag von Giuseppe Verdi : Der National-Tondichter

Giuseppe Verdi verdanken die Italiener ihre kulturelle Identität. Nun jährt sich der Geburtstag des Opernmeisters und Musiktheatralikers zum 200. Mal.

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Gastwirtssohn.Geboren wurde Giuseppe Verdi am 10. Oktober 1813 in Le Roncole. Am 27. Januar 1901 starb er in Mailand. Das Porträt entstand im Jahre 1870.
Gastwirtssohn.Geboren wurde Giuseppe Verdi am 10. Oktober 1813 in Le Roncole. Am 27. Januar 1901 starb er in Mailand. Das Porträt...Foto: akg-images

Die Franzosen haben Balzac, Flaubert und Emile Zola, die Engländer haben Charles Dickens, die Russen Dostojewski, Tolstoi, Puschkin, die Deutschen Fontane, Thomas Mann, die Portugiesen Eça de Queiroz. Und die Italiener? Wer war die prägende Kulturfigur in der Phase erstarkender Nationalstaaten auf dem Stiefel, der stilbildende, der bedeutendste Autor des Realismus südlich der Alpen zwischen 1850 und 1900? Giuseppe Verdi. Seine Opern leisten das, was in anderen Staaten zur selben Zeit Romane ermöglichen: die Widerspiegelung des wahren Lebens, die ungeschönte Darstellung menschlicher Gefühle. Sie erzählen vom Kampf unschuldiger Liebe gegen soziale Konventionen und politische Ränkespiele, vom Ringen des Individuums um Respekt, um Verständnis, um seinen Platz in der Gesellschaft. „In allen seinen Opern sind Leben und Tod gleichermaßen präsent – doch immer geprägt vom italienischen Volkscharakter, in dem sich die gegensätzlichen Elemente vereinen: Leidenschaft und Liebe, brütendes Schweigen, herbe Enttäuschung, manchmal auch Frechheit, Aggressivität und Intoleranz“, schreibt der Dirigent Riccardo Muti in seinem gerade erschienen Buch „Mein Verdi“.

Giuseppe Verdi also. Der am 10. Oktober vor 200 Jahren geborene Gastwirtssohn nimmt in der Kulturgeschichte die Rolle des italienischen Nationaldichters des 19. Jahrhunderts ein. Des NationalTondichters. Auch weil Musik zu seinen Lebzeiten die einzige Sprache ist, die jeder Italiener versteht – während die regional extrem ausgeprägten Dialekte eine Konversation von Mailändern und Neapolitanern fast unmöglich machen.

"Viva V.E.R.D.I.", skandieren die Italiener, meinen König Vittorio Emmanuele und den Komponisten

Der Komponist selber hätte das freilich so nicht gelten lassen. Sein großer Held war Alessandro Manzoni, der Verfasser der „Promessi Sposi“. Mit 16 Jahren verschlang der junge Verdi den Roman, wie vielen seiner Zeitgenossen erschien ihm das – in toskanischem Schriftitalienisch verfasste – Buch als Schlüsselwerk des Risorgimento, jener Bewegung, die aus dem Kirchenstaat, den von Spaniern wie Österreichern besetzten Gebieten und den verbliebenen Fürstentümern ein geeintes Italien formen wollte. Obwohl Manzoni nach den „Promessi Sposi“ keine größeren Prosawerke mehr veröffentlichte, wurde er bis zu seinem Tod 1873 als Literat verehrt, ihm widmete Verdi sein Requiem.

Zum großen Patrioten stilisierten die Italiener aber auch den Komponisten selber. Wenn sie „Viva V.E.R.D.I.“ skandieren, meinen sie damit gleichzeitig „Vittorio Emmanuele, re d’Italia“, jenen Mann, der 1861, als der Traum von einer Staatsgründung wahr wird, den Thron der konstitutionellen Monarchie Italien besteigen wird. Der Bürger Verdi lässt sich im Freudentaumel der Wiedervereinigung sogar überreden, Mitglied im ersten frei gewählten Parlament zu werden. 1874 akzeptiert er den Ehrentitel eines „Senators auf Lebenszeit“. Das aus so heterogenen Teilen zusammengefügte Land braucht Symbolfiguren, Kulturheilige. Doch eigentlich hält er sich lieber aus dem politischen Alltagsgeschäft heraus, er lehnt sogar die höchst ehrenvolle Aufgabe ab, seiner Heimat eine Nationalhymne zu schenken. Als man ihn bittet, Goffredo Mamelis Gedicht „Fratelli d’Italia“ eine zündende Melodie zu unterlegen, behauptet Verdi, er habe versucht, etwas Volkstümliches und Griffiges zu schreiben, aber es sei ihm einfach nicht gelungen. Ihm, dem Erfinder von „Va, pensiero“, dem Gefangenenchor aus „Nabucco“!

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