Zum 25. Todestag der Dichters Sándor Márai : Verlust und Gedächtnis

Der Roman "Die Glut" machte ihn, zehn Jahre nach dem Tod, weltberühmt. Seine zweite Lebenshälfte aber verbrachte der Ungar Sándor Márai vergessen im Exil. Er starb im kalifornischen San Diego - einer Stadt, die nicht an ihn erinnern will.

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2820 Sixth Avenue, San Diego. Hinter dem Balkon mit der Feuertreppe wohnt Sándor Márai in seinen letzten Lebensjahren.
2820 Sixth Avenue, San Diego. Hinter dem Balkon mit der Feuertreppe wohnt Sándor Márai in seinen letzten Lebensjahren.Foto: Schulz-Ojala

Seine erste Begegnung mit San Diego verläuft fast nebenbei. Sie datiert von 1959, da ist er – bei Sándor Márai ist das leicht auszurechnen – 59 Jahre alt. Seit sieben Jahren lebt der große ungarische Schriftsteller, als Mitarbeiter von Radio Free Europe wenig zur literarischen Arbeit kommend, im Exil in New York; nun macht er seine erste mehrwöchige Reise durchs Riesenland, von San Francisco an der kalifornischen Küste südwärts bis zur mexikanischen Grenze und von dort über Arizona, Texas und New Orleans nach Florida. Und seine Notizen über die Grenzstadt San Diego, die er später dem Reisebuch „Der Wind kommt von Westen“ hinzufügt, möchte man geradezu sonnig nennen.

„Die Stadt beruhigt und stimmt vom ersten Augenblick an fröhlich“, schreibt er. „Sie ist nicht groß mit ihrer halben Million Einwohner, also von menschlichem Zuschnitt und übersehbar.“ Sogleich besucht er den weitläufigen Balboa Park im Norden der Stadt, verliert sich dort vergnügt zwischen den im Stil der spanischen Renaissance 1915 für die „Panama California Exposition“ errichteten Museumsbauten und kehrt im Café del Rey Moro ein: „Hier herrscht lautlose Höflichkeit, das Bedienungspersonal ist nach spanischer Art stumm und aufmerksam. Es gibt guten Tee, dazu stille Kühle, Pflanzenduft und Zeit – man treibt die Gäste nicht. Hier an der Küste des Stillen Ozeans meldet sich Europa ganz still und sagt etwas aus.“

Ausschnitt aus der Gedenktafel. Öffentlich aufgestellt werden darf sie nicht.
Ausschnitt aus der Gedenktafel. Öffentlich aufgestellt werden darf sie nicht.Foto: Schulz-Ojala

Europa! Die Stille! Und dass einem hier, ganz unamerikanisch und eher wie in einem Budapester Kaffeehaus der Zwischenkriegszeit, niemand unmittelbar nach gehabtem Verzehr die Rechnung präsentiert: Einen Hauch von Heimat muss Márai hier im Vorbeireisen gespürt haben, der räumlich so Heimatlose, der Heimat nur mehr in seiner so inselhaften Muttersprache erlebt. Als ahnte er für einen Augenblick, dass er sich noch einmal exakt zwei Jahrzehnte später hier niederlassen würde, diesmal für immer. „Es ist die erste amerikanische Stadt, wo alles irgendwie erreichbar und wohltuend nahe ist“, schreibt er und freut sich an einer Architektur, die „über das Nützlichkeitsprinzip hinaus etwas Überflüssiges“ ausdrückt. Also: Kultur. Also: Stil.

Er erschießt sich, mit knapp 89 Jahren

Was Sándor Márai nicht ahnt: Sein letztes Lebensjahrzehnt, das mit dem Einzug in eine Wohnung im Haus 2820 Sixth Avenue am Westrand des Balboa Parks beginnt, wird sein düsterstes, von Schicksalsschlägen überschattetes, und er beschließt es, knapp 89-jährig, durch Freitod. Drei Jahre zuvor stirbt, erblindet, fast taub und krebskrank, seine Frau Lola, mit der er 62 Jahre verheiratet war. Ein Jahr nach ihrem Tod stirbt János, beider Adoptivsohn, dem das Ehepaar nach San Diego gefolgt war, mit Mitte vierzig an einem Herzinfarkt. Frau und Sohn begleitet der hochbetagte und keinerlei Trostreligion zugeneigte Mann zur Seebestattung – vorschriftsgemäß mit dem Boot drei Meilen hinaus auf den Pazifik.

Zur Vereinsamung und zum Vergessensein in der Arbeit ist nun die tiefstmögliche Menscheneinsamkeit hinzugekommen, und kaum anderthalb Jahre später, am 21. Februar 1989, macht Sándor Márai von der längst zu diesem Zweck erworbenen Pistole Gebrauch. Es ist ein Dienstag, die Zugehfrau kommt in dieser Woche nicht mehr, auch die Schwiegertochter mit den drei Enkeltöchtern wird sich voraussichtlich frühestens am Wochenende wieder melden. Ein Abschiedsbrief an die Familie und das Testament, das den im kanadischen Toronto lebenden Freund und Verleger István Vörösvary zum Verwalter des literarischen Erbes einsetzt, liegen auf dem Tisch. Umsichtig und ruhig gilt es nun nur noch ein Letztes zu erledigen: den ankündigenden Anruf bei der Polizei.

Die Tagebücher, die Sándor Márai während der letzten Lebensjahre geführt hat – vom langsamen Sterben seiner Frau bis zum letzten Eintrag knapp sechs Wochen vor dem Freitod: „Ich warte auf den Stellungsbefehl, bin nicht ungeduldig, will aber auch nichts hinauszögern. Es ist Zeit“ – sind in ihrer atemabschnürenden Nüchternheit und Illusionslosigkeit der eigentliche Schlüssel zum Werk des großen Ungarn. Mehr noch als die Romane, allen voran der Bestseller „Die Glut“, womit Márai nach Jahrzehnten des Exils zuerst in Frankreich und in Italien schlagartig wiederentdeckt wurde – und kurz darauf in Deutschland, wo sich 1999 Ungarn als Gastland der Buchmesse präsentierte. Sie sind Klopfzeichen eines Überlebenden, der im Exil fast alles verloren hatte, Echo, Kritik und Ruhm.

Dabei war er, dessen elegante Sprache und souveräne Erzählkompositionen längst in einer Reihe mit Robert Musil, Joseph Roth, Stefan Zweig und auch Thomas Mann genannt werden, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Großer in seiner Heimat. Nur stand er für Bürgertum und Bildung – und damit für eine aus Sicht der Kommunisten, die 1945 in Ungarn das Ruder übernahmen, gestrige, feindliche und folglich zu vernichtende Kultur. Márai entzog sich dem Publikationsverbot in der Heimat 1948 durch den Weg ins – lebenslange – Exil. Es ging über fünf Stationen: ein Jahr in der Schweiz, drei in Neapel, fünfzehn Jahre New York, zwölf Jahre im süditalienischen Salerno und schließlich San Diego.

Der Hausbesitzer lehnt die Anbringung einer Gedenktafel ab

Und heute? Es scheint, als hätte nach den stürmischen Jahren des Nachholbedarfs in Europa und, in geringerem Maß, auch in den USA, ein neues, sanfteres Vergessen begonnen. Zwar bringen die Verlage da und dort noch Einzelnes heraus – zuletzt in Deutschland „Die Frauen von Ithaka“, eine leichtgewichtige Beschäftigung mit der Welt des ruhelosen Odysseus, mit dem Sándor Márai sich selber auch in den Tagebüchern immer wieder in Beziehung bringt. Aber das sind editorische Arrondierungsarbeiten, fernab des gestillten, abgeschöpften Lesehungers. Auch San Diego, Márais letzte Wahlheimat, scheint sich kaum an seinen so weltberühmten Bewohner erinnern zu wollen. Weil er sein Leben so unkalifornisch sonnenfern beendete?

Wer die Stadt besucht, die inzwischen 1,3 Millionen Einwohner zählt, muss allerlei Recherchemühen aufwenden, um Márais letzte Adresse ausfindig zu machen. Nicht nur, dass Márais Biografie hier ohnehin ein entlegenes Thema wäre, verglichen etwa mit dem netten, in rötlichen Wüstengesteinsfarben gehaltenen Freiluft-Einkaufszentrum Horton Plaza oder erst recht dem ausgemusterten Flugzeugträger „USS Midway“, auf dem Vietnam- und Golfkriegsveteranen den Touristen ihren einstigen Umgang mit dem Kampfgerät erläutern.

Doch selbst wer Márais Haus ausfindig macht, entdeckt dort nirgends einen Hinweis. Der Eigentümer des blassrosafarbenen, sich über drei Etagen erstreckenden Gebäudes habe die Anbringung einer Gedenktafel abgelehnt, heißt es bei ungarischstämmigen Bürgern San Diegos. Und so gleitet der Blick an leerer Fassade hinauf, wo die Márais hinter einem von einer hässlichen Feuertreppe verschandelten Balkon lebten. Zudem lehnt die Stadtverwaltung jegliches sichtbare Andenken im nahen Balboa Park ab – gemäß „Park and Recreation Board Policy No. 1002“. In dem Kriterienkatalog des fünf Seiten starken Negativbescheids wird zwar durchaus gewürdigt, dass Márai den Park liebte und dass auch die ungarische Gemeinde für alle Unterhaltskosten einer Gedenktafel aufkommen wolle. „Nützlich“ aber sei sie nur für die „Hungarian community“ und für Leute, die Márais nur teilweise ins Englische übersetzte Literatur kennten. Zudem gebe es anderswo, etwa in seiner in der heutigen Slowakei liegenden Geburtsstadt Kosice, bereits Gedenktafeln, und: „Derzeit ist unbekannt, wie populär seine Literatur in Zukunft sein wird.“

Derlei Prognosen sind allerdings generell ungewiss – und so scheint es einstweilen bei einer kuriosen, einst auf einen Tag begrenzten Enthüllung eines Gedenksteins zu bleiben. Diese Zeremonie fand zum 20. Todestag Márais vor dem kleinen „Haus Ungarn“ im Balboa Park statt. Dort gibt es seit 1936 eine „House of Pacific Relations“ genannte Mini-Siedlung einzelner „cottages“, in denen Freiwillige aus knapp drei Dutzend Herkunftsländern sonntags den Parkbesuchern ihr jeweiliges Brauchtum präsentieren. Bereits bei seinem Besuch 1959 übersetzte Sandór Márai die „Gruppe einstöckiger Gebäude, die an Lebkuchenhäuser erinnern“ bewusst doppelsinnig mit „Heim friedlicher Beziehungen“.

Der berühmteste Ungar der Stadt? Ein Sheriff

Hier also, im Freien vor dem Haus, wurde vor fünf Jahren eine von der Bildhauerin Márta Csikai entworfene Bronzetafel enthüllt – seither ist sie ins Innere des Häuschens verbannt. Bescheidene Demarchen der Ungarn, sie an der Hauswand oder in Sichtweite von Márais Wohnung im Park unter Kiefern anzubringen, fruchteten ebenso wenig wie ihr Hinweis auf Márais eisenharten Antikommunismus oder sogar die multikulturelle Offenheit Amerikas. Neuerdings haben die Ungarn, damit Márais Bildnis während der Woche nicht gänzlich eingeschlossen bleibt, eine Fotokopie davon ans Fenster gehängt – in der Hoffnung, den demnächst neu zu bestimmenden Bürgermeister San Diegos für ihre Sache zu gewinnen. Zumal es keine Grabstelle Sándor Márais gibt – er ließ seine Asche, wie die seiner Frau und seines Sohns, im Meer verstreuen.

Schon möglich aber, dass es bei der einen, recht protzig geratenen Gedenktafel auf mächtigem Findling vorm Ungarn-Haus bleibt: Sie gilt Agosthon Haraszthy, dem ersten Sheriff San Diegos, der 1850 mit harter Hand amtierte und zwei Jahre später nach Nordkalifornien weiterzog. Heute gilt der Ungar vor allem als „Vater der kalifornischen Weinkultur“. Einen gewissen Nachruhm hat er sich unter anderem dadurch erworben, dass er die Rebsorten „Muskat aus Alexandria“ sowie „Zinfandel“ in Kalifornien heimisch machte.

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