Zum 30. Jubiläum der Villa Grisebach : Himmelwärts

Die Villa Grisebach feierte ihr Jubiläum mit der erfolgreichsten Auktion seit der Gründung. Teilgenommen hatten Interessenten aus aller Welt und zahlreiche Museen.

Angela Hohmann
Die „Gelbe Gasse“ von Lyonel Feininger, 1932. Ein Schweizer Händler ersteigerte das Gemälde für drei Millionen Euro.
Die „Gelbe Gasse“ von Lyonel Feininger, 1932. Ein Schweizer Händler ersteigerte das Gemälde für drei Millionen Euro.Foto: Grisebach / VG Bildkunst, Bonn 2016

In sonnigem Gelb und warmem Orange leuchten die fragmentierten Häuserfassaden, so als blicke man durch ein Prisma. Kräftige Diagonalen zerteilen das Bild, ein paar Figuren links unten durchbrechen die harten Linien. Das Gebäude in der Mitte lässt die typische Giebelstruktur der deutschen Backsteingotik erkennen. Über allem thront ein türkiser Himmel. 1932 malte Lyonel Feininger dieses beeindruckende Bild, das das Stadtbild der Alten Welt mit einer modernen Formensprache verband. In den zwanziger Jahren hatte der Künstler mehrere norddeutsche Städte wie Hildesheim, Lüneburg und Lübeck bereist. Danach verarbeitete er das Motiv der Häuserfassaden in zahlreichen Skizzen, Aquarellen und Gemälden.

Wahrscheinlich geht auch das Motiv der „Gelben Gasse“ auf die Eindrücke dieser Reise zurück. Es war eines der Spitzenlose der Abendauktion zum 30. Geburtstag von Grisebach. Die Villa feiert ihr Jubiläum mit der erfolgreichsten Auktion ihrer Geschichte. Als Spitzenlos erzielte das auf 1,5 Millionen Euro geschätzte Gemälde von Feininger nach aufgeregtem Gefecht mehrerer Konkurrenten am Telefon schließlich satte drei Millionen Euro. Ein Händler aus der Schweiz ersteigerte das Bild. Nur wenige Minuten zuvor sorgte das „Stillleben mit brennender Kerze“ (1921) von Max Beckmann für Aufregung. Das farbenfrohe Gemälde lag mit 2,5 Millionen Euro weit über dem oberen Schätzwert von einer Million. Spät stieg ein neuer Bieter in die lebhafte Versteigerung ein. Das Gemälde geht nun an einen Privatsammler in New York.

Interessenten aus aller Welt und hohe Gebote

Die Abendauktion war bestbesucht und am Telefon beteiligten sich Interessenten aus aller Welt an den Geboten. Ein Gemälde von Emil Nolde, von dem es zunächst hieß, es sei eines jener seltenen auf seiner Südseereise entstanden Bilder, erzielte ebenfalls eine Million. Wie die Errata, die Korrektur zu den Katalogangaben, am Abend verriet, ist es wohl aber doch erst nach Noldes Rückkehr entstanden. Die beiden Blumenbilder von Nolde fanden für je 800 000 Euro einen neuen Besitzer, das filigrane Aquarell von Paul Klee erzielte 720 000 Euro. Das geheimnisvolle Gemälde von Anton Räderscheidt „Haus Nr. 9“ (1921) zog einige Bieter an und landete weit jenseits der oberen Taxe bei 700 000 Euro. Auch das Aquarell „La pensée visible“ (1961) überstieg mit 630 000 Euro die Erwartung. Das kleine Wolkenbild von René Magritte reizte ebenfalls etliche Interessenten und lag mit 320 000 Euro leicht über dem oberen Schätzwert. Liebermanns Biergartenstudie erzielte 580 000 Euro, sein Selbstporträt 410 000 und die pastellfarbene Geburtstagstorte von Botero 350 000 Euro.

Im Vorfeld wurden zwei Gemälde von Lesser Ury, die beiden ersten Lose der Abendauktion, zurückgezogen, da der Verdacht bestand, es könne sich um Raubkunst handeln. Experten hatten gegenüber dem RBB-Kulturmagazin „Stilbruch“ kritisiert, dass die Provenienz der Bilder nicht restlos geklärt sei und es sich um während der NS-Zeit verfolgsbedingt entzogene Kunst handeln könne. Allein bei dem Namen des Besitzers, Siegfried Hirsch, und der Versteigerung des Gemäldes 1936 im Berliner Auktionshaus Leo Spik hätten die Alarmglocken läuten müssen. Bernd Schultz, der scheidende geschäftsführende Gesellschafter und Mitbegründer von Grisebach, verteidigte die Aufnahme der Bilder in die Jubiläumsauktion zunächst, reagierte dann aber doch kurzfristig. Die Stimmung der Abendauktion trübte der Vorfall nicht. Am Ende konnte Schultz stolz konstatieren: „Das war die erfolgreichste Abendauktion der Villa Grisebach seit ihrer Gründung vor 30 Jahren.“ Für das umtriebige Haus sprengte die Abendauktion mit 21,6 Millionen Euro alle bisherigen Rekorde. Nach nur zwei Tagen der insgesamt vier Tage andauernden Versteigerungen hat die Villa außerdem mit 25 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) ihr Ziel von 29 Millionen Euro Umsatz fast schon erreicht.

Zahlreiche Museen unter den Käufern

Die Auktionen am Vortag und Vormittag waren allerdings eher durchwachsen und erreichten die Schätzwerte nur teilweise. In der Auktion mit Werken des 19. Jahrhunderts erzielte die Studie eines Kronleuchters für das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ von Adolph Menzel, das in der Alten Nationalgalerie hängt, mit 190 000 Euro den höchsten Zuschlag und ging in die Schweiz. Das Landschaftsgemälde von Renoir spielte 180 000 Euro ein. Insgesamt waren unter den Käufern zahlreiche Museen aus dem In- und Ausland.

Spitzenlose wie das winzige Gemälde „Almabtrieb in Hofgastein“ von Menzel (Taxe: ab 200 000 Euro) und die „Zimmermannswerkstatt“ von Max Liebermann (Taxe: ab 350 000 Euro) blieben hingegen liegen. Für Letzteres werde allerdings im Nachverkauf mit einem europäischen Nationalmuseum verhandelt, hieß es bei Grisebach. Der „Mitternachtsgeiger“ von Carl Spitzweg wurde für 120 000 Euro an ein amerikanisches Museum verkauft. Insgesamt erzielte die Abteilung für Kunst aus dem 19. Jahrhundert etwas über zwei Millionen Euro und erreichte damit den unteren Schätzwert.

Für Überraschung sorgte der Vintage-Abzug von Albert Renger-Patzschs Ikone „Das Bäumchen“. Nach regem Gefecht ging er für 56 000 Euro – international ein Auktionshöchstpreis – an einen privaten Bieter aus den USA. Die drei Vintages von den Wolkenkratzer-Projekten Mies van der Rohes gingen an einen Privatsammler in Deutschland. Von den erwarteten 580 000 Euro spielte die Versteigerung der Fotografie 525 000 Euro ein.

Orangerie blieb hinter den Erwartungen

In der Abteilung Orangerie wurden die indischen Silbertüren für 15 000 Euro, ein Schreibtisch nach dem Entwurf von Preußens Königin Luise für 80 000 Euro nach Skandinavien, der Jaguar von Werner Otto für 68 000 Euro nach Norddeutschland und die Leuchten von Hans Poelzig für 15 000 Euro und damit ein Mehrfaches über dem Schätzwert an ein deutsches Nationalmuseum versteigert. Auch hier ist die Bieterschaft mittlerweile sehr international geworden. Alles in allem erzielte die Orangerie-Abteilung 620 000 Euro und blieb ebenfalls hinter den erwarteten 760 000 Euro zurück. Dass das Ergebnis insgesamt dennoch hoch ausfällt, verdankt sich vor allem der fulminant gelaufenen Abendauktion.

So darf Grisebach schon jetzt mit dem Verlauf der Versteigerungen während der Jubiläumsauktion äußerst zufrieden sein. Für Bernd Schultz, der das Haus vor dreißig Jahren mit viel Weitsicht noch vor dem Mauerfall mitbegründete und sich nun aus dem aktiven Geschäft zurückzieht, ist das ein Anlass zur doppelten Freude: über eine sehr erfolgreiche Auktion und einen wunderbaren Abschluss seiner Zeit als geschäftsführender Gesellschafter und Partner: „Ich freue mich, dass alles mit solch einem Feuerwerk endet.“

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