Zum 70. Geburtstag : Edith Clever: Stolz einer Königin

Kabale und Katastrophe, Liebe, Grazie und Tod wurden für Edith Clever so etwas wie künstlerische Wegzeichen. In der Tragödin steckt aber auch eine fulminante Komödiantin.

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Pathos, Eleganz. Edith Clever als Klytaimnestra an der Schaubühne. Foto: Ullstein-Bild
Pathos, Eleganz. Edith Clever als Klytaimnestra an der Schaubühne.Foto: Ullstein-Bild

Viele denken bei ihr immer nur an die große Tragödin. Und tatsächlich ist Edith Clever heute eine der letzten Schauspielerinnen, die noch Sinn und Formbewusstsein für den tragischen Ursprung des Theaters haben und wahrhaftes Pathos ohne Angst vor den falschen, pathetischen Tönen zu wagen vermögen. Seit ihren Anfängen strahlt aus ihr etwas Hochpersönliches, Unerlernbares – diese Aura aus Schönheit, Stolz und einem wehmütigen Trotz, die sich auch in Edith Clevers mit den Worten singender, die Vokale immer leicht dehnender Stimme äußert.

Kurt Hübner, der fabelhafte Theatermenschenfischer, hatte ihre Besonderheit als erster erkannt und engagierte sie in den 60er Jahren, ebenso wie die Regisseure Peter Zadek und Peter Stein und die noch unbekannten Akteure Bruno Ganz oder Jutta Lampe, an sein junges Genietheater in Bremen. Die kaum 26-jährige Clever besetzte Hübner sofort als seine Antigone und als Lady Macbeth, Peter Zadek machte sie zu Ibsens Nora und Peter Stein zur Schiller’schen Luise.

Kabale und Katastrophe, Liebe, Grazie und Tod wurden für die junge Frau mit den hohen Wangenknochen und den fast asiatisch schmalen Augen so etwas wie künstlerische Wegzeichen. Reines Pathos, null Pathetik: als Edith Clever 1980 an der Berliner Schaubühne, deren Protagonistin sie (neben Jutta Lampe) anderthalb Jahrzehnte war, in Peter Steins monumentaler „Orestie“ als mörderische Klytaimnestra ihrem Sohn Orest ihre entblößte blutverschmierte Brust als nackten Herzschlag zeigt. Und unerreicht furios, wie die Clever zwei Jahre später in Hans Jürgen Syberbergs Verfilmung von Wagners „Parsifal“ die Magierin Kundry als Nichtsängerin doch vollkommen zauberisch erspielt (mit Yvonne Mintons Stimme), tatsächlich aus dem Innersten zu singen scheint und als Königin des äußersten Begehrens triumphieren lässt.

Doch über derart viel Schmerztollem vergisst man allzu schnell, dass in der Tragödin, die heute vor 70 Jahren in Wuppertal geboren wurde, auch eine fulminante Komödiantin steckt. Der hohe Singsang überdeckt bei ihr ja nur einen leicht rheinisch klingenden Unterton, den sie beispielsweise als Wohlstandstrinkerin in Botho Strauß’ „Trilogie des Wiedersehens“ mit wunderbar alkoholisch-melancholischer Dezenz und zugleich rasend komisch eingesetzt hat. Oder wiederum bei Stein und an der Schaubühne ihre Lotte-Kotte in Straußens „Groß und klein“, die machte sie zum Inbild einer zwischen Lebenstrauer und Totlachen vital changierenden, einsamen Bundesbürgerin im Pauschalurlaub, die schon zehn Jahre vor dem Mauerfall das Wort „Wahnsinn“ zu einem epochalen Schlüsselwort werden ließ.

Filme hat sie auch gespielt, wurde in Cannes gefeiert, als Eric Rohmers Titelheldin in der „Marquise von O.“ nach Heinrich von Kleist und als Peter Handkes „Linkshändige Frau“. Sie inszeniert, wie 1999 an der Schaubühne Hugo von Hofmannsthals „Elektra“, mit der Regisseurin Edith Clever auch noch einmal in der Rolle der Klytaimnestra. Manchmal tritt sie auch noch auf, zuletzt bei Luc Bondy als Genets Gnädige Frau in den „Zofen“. Die Aufführung steht am 26. Dezember und am 16. Januar auf dem Spielplan der Berliner Volksbühne. Zu Edith Clevers Geburtstag wünschen wir dem Theater wieder mehr, viel mehr von ihr! Peter von Becker

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