Zum 70. von Christian Boltanski : Der Konstrukteur

Er rekonstruiert, manipuliert und lenkt - der französische Künstler Christian Boltanski wird 70. In seinen Arbeiten widmet er sich vor allem dem Tod und der Erinnerung.

Moritz Eckert
Christian Boltanski
Inszeniert sich und andere - Christian Boltanski.Foto: picture alliance/dpa

Bedrohlich bewegen sich die Schatten an der Wand. Abbilder von Skeletten, Fratzen und dämonischen Wesen mit Flügeln und Sensen in den Händen. Leicht wiegen sie sich in Luftstößen und gleiten über die Wand. Ständig verändern sich die Schatten, sind immer in Bewegung. Vergänglichkeit, Tod und Erinnerung – das sind die großen Themen von Christian Boltanski und sie finden sich auch in seiner  Installation „Théâtre d’Ombres“. Heute feiert der französische Künstler seinen 70. Geburtstag.

Der in Paris geborene Boltanski ist in den verschiedensten Kunstfeldern zuhause und doch sind seine Herangehensweisen bei den meisten seiner Werke ähnlich. Er rekonstruiert, manipuliert, erschafft Erinnerung und lenkt sie virtuos in verschiedene Richtungen. So bereitete er in Notizbüchern seinen eigenen Lebenslauf auf, später erfand er Figuren und legte ihre Lebensgeschichten in schriftlicher Form an. Auf Flohmärkten kaufte er verschiedenste Gegenstände und fügte sie zum Besitz von Menschen zusammen, die nie existiert hatten. Fotos aus komplett unterschiedlichen Quellen, teilweise eigene Familienbilder, mischte er zu inszenierten Alben zusammen.

"Meine Arbeiten beschäftigen sich mit dem Tod selbst."

Ein zentrales Thema in Boltanskis Werk ist der Holocaust. Geboren als Sohn eines jüdischen Vaters kurz nach dem Ende der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht, trug er zum Beispiel im Pariser Grand Palais einen gigantischen Berg aus 50 Tonnen getragener Kleidung zusammen - teilweise in mit Draht streng symmetrisch eingegrenzten Arealen, die Assoziationen mit den Vernichtungslagern des „Dritten Reichs“ weckten. Seine Bildarbeit „Gymnasium Chases“ zeigt Gesichter, die Boltanski aus einem Foto von der Abschlussfeier eines jüdischen Gymnasiums aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg herausmontierte. Durch die starke Vergrößerung und das Herausreißen aus dem Bildzusammenhang wirken sie verwirrend, teilweise grotesk, einzelne Gesichtspartien ertrinken in Schatten. Ob die abgebildeten Personen dem Holocaust zum Opfer gefallen sind – Boltanski lässt den Betrachter im Unklaren. Ohnehin wendet er sich bewusst dagegen, die Shoa zu seinem absoluten Hauptthema zu machen: „Meine Arbeiten beschäftigen sich mehr mit dem Tod selbst, als mit dem Holocaust.“

Durchgehend erneuert er seine Herangehensweisen, entdeckt immer wieder neue Kunstfelder für sich, wie die Arbeit mit Licht und Schatten. Und auch hier lenkt Boltanski den Blick der Betrachter in eine ganz bestimmte Richtung: Beständigkeit gibt es nicht, alles ist vergänglich und auch die Erinnerung ist keine Konstante.

 

"Théâtre d‘Ombres" ist noch bis zum 11. September 2014 werktags von 8 bis 18 Uhr im Atrium der Landesvertretung Niedersachsen zu sehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben