Zum 70. von Harun Farocki : Die Welt als Wille und Wahrnehmung

Harun Farocki ist ein Meister der analytischen Beobachtung. Dem Dokumentarfilmer und Medienkünstler zum 70.

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Forscherblick. Harun Farocki. Foto: dpa
Forscherblick. Harun Farocki. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Es ist ein ungewöhnliches und besonders schönes Filmbuch. Denn die vielen vielen abgebildeten Filmstills sind hier nicht dem Text als Illustration zugeordnet, sondern stehen ganz für sich: Lange Bildstrecken, von Herausgeber Benedikt Reichenbach analog der Argumentationslinien von zehn ausgewählten Filmen Harun Farockis angeordnet, dessen heutiger 70. Geburtstag Anlass des Bandes ist. Dazu gibt es in einem Extrateil die kompletten Filmtexte, wenn auch, wie das gesamte Bilderbuch „Diagrams“, nur auf Englisch.

Der Titel passt gut als Würdigung eines Filmemachers, der sich von Anfang an weniger mit der Welt selbst beschäftigte als mit den Vorstellungen, die Menschen sich von ihr machen. Dieses Bewusstsein für Medialität prägt – neben allem Agit-Prop – schon die ganz frühen Filme aus jener Zei, als Farocki 1966 gemeinsam mit Daniel Schmid, Wolfgang Petersen und Holger Meins im ersten Jahrgang der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin studierte und wenig später mit 17 DFFB-Kommilitonen geschasst wurde, wegen politischer Aufsässigkeit.

In den Achtzigern fand Farocki zu jener Methode, mit der er in essayistischen Kompositionen aus Bild und Off-Kommentar Herrschafts- und Blickverhältnisse untersucht. Bei aller analytischen Schärfe bleiben die Filme immer bedeutungsoffen. Die wichtigsten Sujets: die Zusammenhänge von Krieg und Medien, Abbild und Technik, Überwachung und Aufklärung, Arbeit und Konsum, Inszenierung und Kontrolle. Dahinter steht – ganz mit Brecht – auch die Überzeugung, dass der eigentliche gesellschaftliche Tabubruch nicht der Blick ins Schlafzimmer ist, sondern der hinter die Mauern von Fabriken und Planungsabteilungen. Farocki, ein Forscher im altmodischen Wortsinn, erkundet etwa 2001 in „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ die Strategien der Verkaufsoptimierung in Einkaufszentren, von der Bauplanung bis zur Aufstellung der Waren im Regal. 2004 begleitete er in „Nicht ohne Risiko“ die Verhandlungen mit Investoren um die Gewährung von Venture-Kapital. Eine Situation, die der befreundete Regisseur und Farocki-Schüler Christian Petzold zu großen Teilen wortgetreu in seinen Spielfilm „Yella“ übernahm. Auch bei anderen Filmen Petzolds hat Farocki am Drehbuch mitgeschrieben.

Heute gehört der 1944 im deutsch besetzten Nový Jicín geborene, in Berlin lebende Künstler und ehemalige Kunstprofessor zu den bedeutendsten Protagonisten des Dokumentarfilms und der Medienkunst. Seit Jahren brechen die Programmplätze im Fernsehen weg, auch deshalb hat der avancierte Dokumentarist seinen Wirkungsbereich zunehmend in die Gefilde der Kunst verlegt. Die Öffentlichkeit, berichtet Farocki, sei in der Galerie paradoxerweise größer als im Kino. Das hat er schon bei seinen „Videogrammen einer Revolution“ von 1992 erlebt: Während die Kinosäle fast leer blieben, drängelte sich im New Yorker MoMA das Publikum.

Inzwischen legt er seine Arbeiten oft in mehreren Formaten an. „Ernste Spiele“ befasst sich mit multimedialen Simulationen in einem Trainingscenter des US-Militärs und ging aus einer Installation hervor. Am Samstag läuft der Film zum Auftakt eines nächtlichen Farocki-Festivals auf 3sat; sein jüngster Film über „Sauerbruch Hutton Architekten“ läuft dann Montag früh um 4.45 Uhr. Wer die Uhrzeit scheut, zu der das Öffentlich-Rechtliche solch anspruchsvollere Produktionen ausstrahlt, kann sich bis zum Kinostart am 23. Januar gedulden.

Harun Farocki Diagrams. Images from Ten Films. Hg. von Benedikt Reichenbach. Verlag der Buchhandlung Walther König, 384 S., englisch, 1052 Abb., 48 €.

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