Zum 80. des Verlegers Manfred Schlösser : Der Vereiniger

Begonnen hat seine Karriere mit einer Schülerzeitung, heute verdankt Berlin dem Verleger Manfred Schlösser die Wiederentdeckung großer Berliner Romane. Wir gratulieren zum 80.

Hannes Schwenger
Manfred Schlösser.
Manfred Schlösser.Foto: Milena Schlösser

Allein als Mit-Herausgeber eines einzigen Buches hat sich der Verleger Manfred Schlösser, der heute in Berlin seinen 80. Geburtstag begeht, unermesslich große Verdienste erworben: Seine Anthologie „An den Wind geschrieben. Lyrik der Freiheit 1933-45“ ist seit der ersten Auflage 1960 in der Schriftenreihe Agora der Klassiker der lyrischen KZ- und Exilliteratur. Spätere Auflagen erschienen im nunmehr selbstständigen Agora Verlag Schlössers und schließlich in einer Auflage von 40 000 Exemplaren im Deutschen Taschenbuchverlag.

Für junge Leser der Nachkriegsliteratur war das Buch ein poetisches Pendant zu Gerhard Schoenberners Dokumentation „Der gelbe Stern“, beides Schlüsselwerke zum Gedenken an die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland und Europa. Das Motto des Buchs war Paul Celans Todesfuge entnommen: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Was mit einer Schülerzeitschrift in Darmstadt begann – „Agora. Blätter eines humanistischen Gymnasiums“ – wuchs sich zu einem vielseitigen, inzwischen in Berlin ansässigen Verlag aus, der seine Darmstädter Wurzeln (mit der Wiederentdeckung Karl Wolfskehls und des Expressionisten Hans Schiebelhuth) pflegte und sich immer um das andere und das jüdische Deutschland bemühte.

Berlin verdankt Manfred Schlösser die Wiederentdeckung großer Romane

Sogar eine Abteilung künstlerischer Kinderbücher und eine literaturwissenschaftliche Reihe kamen hinzu. Berlin verdankt Schlösser unter anderem die Wiederentdeckung großer Berliner Romane wie Paul Gurks „Berlinroman“ und „Der Tresoreinbruch“ oder Heinrich Eduard Jacobs Debüt „Der Zwanzigjährige“. Über die Mauer hinweg wurde er zum Verleger der Kritischen Werkausgabe des in Ostberlin lebenden Dichters Erich Arendt, dem er – von der Stasi misstrauisch beobachtet, aber nicht belästigt – eine Festschrift zum 75. Geburtstag mit Autoren aus Ost und West widmete. Sie erschien in seiner Reihe bibliophiler „Erato Drucke“, die Lyrik und Prosa des 20. Jahrhunderts und jüngerer Zeitgenossen vereint.

Bei alldem mag ihm seine Rolle als Präsidialsekretär der Westberliner Akademie der Künste 1976 bis 1987 nützlich gewesen sein. Ohne Illusionen über das Unrechtsregime der DDR ließ Schlösser einen, zwar dünnen Faden zur Ostberliner Akademie nie abreißen. Auch das ein Grund, warum er 1994/95 als PEN-Generalsekretär für eine behutsame Zusammenführung der beiden deutschen PEN-Zentren eintrat, aber schließlich über den fortdauernden Streit resignierte. Als Verleger hat er nie resigniert – und das ist gut so.


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