Kultur : Zum 80. Geburtstag des Schauspielers und Theaterdenkers

Peter von Becker

Er ist der Philosoph unter den Schauspielkünstlern. Und zu seinem 80. Geburtstag wollen wir auch an diese Seite des wunderbar alten jungen Rolf Boysen erinnern. Sie gehört ganz und gar zum Schaugepräge, zur Schauspielergeste, die bei ihm ja nie eine äußerliche Attitüde ist. Boysen verwandelt die lebenshungrige Hoffnung und die erfahrunsgesättigte Skepsis immer zu einer hochbewussten Form des Spiels, in welcher der emotionale Ausdruck auf einem tiefen gedanklichen oder gar seelischen Eindruck gründet.

Dieses Metierbewusstsein (und diese künstlerische Moral) hat er von seinem Lehrer Fritz Kortner gelernt, in dessen letzter großer Aufführung er 1969 am Hamburger Schauspielhaus den Beaumarchais in "Clavigo" spielte. Neben Thomas Holtzmann, der inzwischen seit über 20 Jahren an den Münchner Kammerspielen sein häufiger Partner ist. Mit ihm teilte er seitdem die eher rührend kleine, abgewetzte Theatergarderobe in der Falckenbergstrasse, die nun dem Umbau und der Renovierung der Kammerspiele weicht: ein auratischer Ort für zwei einander im Leben hinter den Kulissen mit allürenfreiem Respekt verbundene Stars. Und gemeinsam erhielten sie vor zehn Jahren denn auch auf der Bühne der Kammerspiele den Kortner-Preis.

Millionen haben Boysen Ende der siebziger Jahre als Wallenstein in der Verfilmung von Golo Manns Biographie im ZDF gesehen. Und selbst in der Maske des Feldherrn drang in diesem historischen Kostümfilm noch der Psychologe und geschichtsbewusste Zeitgenosse durch. Rolf Boysen, der gebürtige Flensburger, aufgewachsen in Hamburg in einer Kaufmannsfamilie, musste kaum zwanzigjährig in den Krieg, er hat den Tod gesehen und früh auch Fragen gestellt, zum Beispiel nach den plötzlich verschwundenen jüdischen Jungen und Mädchen in Hamburg, in Deutschland. Dieser Textergründer und markante Sprecher hat das Pathos so nicht nur als literarisch-dramatische Kategorie erfahren - das hat ihn vor jeglicher Pathetik und dem von Kortner so bezeichneten deklamatorischen "Reichskanzleistil" bewahrt. Boysens Stil ist deutlich und dezent zugleich: ob er in weltzerbrechender Schmerzlichkeit in München zuletzt den Lear gespielt hat oder mit listiger, fabelhaft doppelsinniger Slapstick-Komik eine Römerin und bayrische Henne bei Achternbusch, er, der norddeutsche Mann. Aber "Der Schein trügt", so heißt Thomas Bernhards Komödie eines Schauspielkünstlers und Bruderpaars, wo er, einmal mehr mit Thomas Holtzmann, in Dieter Dorns Regie triumphierte. Und wäre Boysen nicht Schauspieler, er wäre der Philosoph der Szene.

Ein glänzender Schreiber, ein denkender Spieler - das zeigen seine im Frankfurter Verlag der Autoren gesammelten Essays ("Nachdenken über Theater"). Hier als Kostprobe Notizen aus seiner Garderobe, vor dem Spiel, im noch leeren Theater: "Die Guckkastenbühne, in deren Ecken und Nischen unter dem zusammengekehrten Theaterstaub ein Schimmer der zu Bruch gegangenen menschlichen Lebensbemühungen nicht auslöschbar ist, sie ist die Mutter der Träume, der Erinnerung - bis weit über den Tag unserer Geburt hinaus und bis tief hinein in das schwarze Loch der Zukunft, und sie ist auch die Mutter der Illusion. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist blank und uns zugekehrt. Die muss von uns beschriftet werden ... Der leere Raum ist zum Bersten gefüllt und die Assoziationen wachsen aus seinem Boden wie Schlinggewächse." Heute nun wächst ihm der Lorbeer, und die Mitwelt feiert den Mimen, den Menschen.

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