Kultur : Zum 80. Geburtstag von Rudolf Noelte: Theater ist die Seele, die spielt

Senta Berger

Wie soll man in wenigen Sätzen einen Menschen wie Rudolf Noelte fassen, seine Arbeit beschreiben, die Wirkung schildern? Noelte ist ja nicht nur einer der ganz Großen in der Geschichte des Theaters, er hat eine ganz eigene Theater-Kunst entwickelt, erschaffen. Eine eigene Kategorie, und er hat diese unverwechselbare Kunst jedesmal wieder durchgesetzt - mit dem kategorischen Imperativ, wenn es sein musste. Und es musste sein!

Wir alle haben von ihm gelernt, mehr als ihm das bewusst war, und auch uns. Meine Generation konnte ja nicht viele Väter haben, das Dritte Reich hat alle Kontinuitäten zerstört. Er ist ein Vater, ein künstlerischer Vater.

Rudolf Noelte ist ein Meister, der mit der Genauigkeit eines Uhrmachers das kleinste Teil des Werkes, das kleinste Rädchen großmacht, mit der kleinsten Feder große Spannung herstellt - und umgekehrt das große Ganze ins Kleinste umsetzt; ein Blick, ein Lichteinfall, das Geräusch einer Tür im Korridor ...

Noelte ist ein Beobachter, der mit den Augen hört. Er hat für die Schauspieler Räume geschaffen, die es vor ihm nicht gab.

Tageslicht nicht von oben aus der Scheinwerferbrücke, sondern von draußen durch Fenster und halboffene Türen. Künstliches Licht nicht aus dem Beleuchterhimmel oder von der Rampe, sondern von tatsächlichen Lichtquellen im Raum, Lampen, Kerzen, ein Lüster, ein Spalt aus dem erleuchteten Nebenzimmer.

Noeltes Inszenierungen sind "filmisch". Wer es nie gesehen hat, wird es nie verstehen, und wer es gesehen hat, wird es auch nie verstehen!

Über seine Kunst hat er nur sehr ungern gesprochen, mit einer schon an sanften Hochmut grenzenden Bescheidenheit. Gedankenloses Vorspielen, gekonntes Herzeigen, routiniertes Tönen, Brülltheater - das alles konnte ihn persönlich zutiefst verletzen, enttäuschen. "Es ist die Seele, die spielt", sagt er, und: "Ich hasse Theater, besonders auf der Bühne."

Rudolf Noelte ist als Vollender des psychologischen Realismus charakterisiert worden, als der beste Baumeister der Vierten Wand auf dem Theater. Und Noelte hat sich immer als Anwalt all seiner Figuren gefühlt - auch dem Bösewicht musste Gerechtigkeit widerfahren. Plötzlich meinte man, eine ganze Biografie zu sehen, zu verstehen, deren kleinster Ausschnitt der Auftritt auf der Bühne ist.

Noelte hasst das sogenannte Regie- oder Konzepttheater. "Das sieht nach Regie aus, das lassen wir weg", war einer seiner Glaubenssätze. Sein Konzept ist die genaue Beobachtung: Denken. Denken und Denken sichtbar machen. Das Unbewusste bewusst machen: "Nur auf dem Theater schauen sich die Menschen ständig an!", sagt Noelte. In Noeltes Inszenierungen gestehen sich Menschen ihre Liebe, ohne sich unbedingt in die Augen sehen zu müssen, Lebensentscheidungen werden gefällt, während der Tisch gedeckt wird, der Christbaum geschmückt wird, die Vorhänge aufgezogen werden - aber das immer als konkrete Situation, nie als bloßes Ornament.

Die Situation spielen. Um das herstellen zu können, bedurfte es einer intensiven Vorarbeit von Noelte. Abläufe, die Handlung und Wort verbinden, wurden "ergangen", in seinem Arbeitszimmer, in seinem Garten, mit der Uhr gestoppt, ob das Erdachte für eine Szene überhaupt möglich und zumutbar war.

Ich erinnere mich an unsere Aufführung des"Tartuffe" im Burgtheater. Zweiter Akt. Dorine und Mariane. Es wird über die einschneidenden Veränderungen im Hause Orgon geredet, seit Tartuffe ins Haus gekommen ist.

Veronika Fitz spielt die Dorine. Während ihres Monologs soll nun Dorine einen riesigen Kerzenlüster mittels eines Flaschenzugs herunterlassen, ihn mit neuen Kerzen bestücken, die sie in ihrer Schürze hält, und die Kerzen sollen angezündet und der nun brennende Lüster wieder hochgezogen werden.

Alles während ihres Monologes. Mit dem letzten Satz des Textes sollte der Lüster wieder an der Zimmerdecke hängen. Veronika Fitz war erst verzweifelt. "Wie soll das gehen? Das wird nie gehen!" - "Es wird gehen." - "Woher wissen Sie das, Herr Noelte?" - "Es steht so in meinem Buch", und er führte sie zu seinem Regiebuch, in dem es so vermerkt war.

So. Und es ging natürlich und war einer der verblüffendsten, schönsten Momente dieser Inszenierung.

Rudolf Noelte, wir vermissen ihn. Sehr. Der schwierige Noelte ist für unser Theater unersetzlich. Aber war er überhaupt schwierig? Ist einer schwierig, der unkorrumpierbar ist? Schwierig für wen?

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