Zum 80. von Dorothy Iannone : Alle meine Liebhaber

Sex und Kunst: Zum 80. von Dorothy Iannone.

von
Foto:bpk/Angelika Platen Foto: bpk | Angelika Platen
Foto:bpk/Angelika PlatenFoto: bpk | Angelika Platen

Wer Dorothy Iannone einmal in ihrer Wohnung am Olivaer Platz besucht hat, erinnert sich an eine schmale, feine Dame, die zum Tee pastellfarbene Macarons reicht. Sie selbst staunt über das inzwischen wiedererwachte Interesse an ihrem Werk, das sich in den Altbauzimmern staut. Und dabei merkt man ihr nicht an, dass sie lange gegen eine verlogene Moral ankämpfen musste, weil ihre Motive – mit Vorliebe Paare in explizit erotischen Situationen – selbst in den freieren Siebzigern gegen den guten Geschmack verstießen.

Das Comeback der Künstlerin, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, begann 2006. Damals zog Massimiliano Gioni als Kurator der Berlin Biennale durch die Stadt, um jene Generation von Malern und Bildhauern aufzuspüren, über die die Zeit hinweggegangen war. Iannone gehört dazu. Auch wenn ihre Biografie zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen enthält, ließ die Aufmerksamkeit zunehmend nach. 2014 wird ihr die Berlinische Galerie eine Retrospektive widmen. Iannone kam in den späten Sechzigern aus Boston über New York nach Europa. Hier begegnete sie Dieter Roth, einem „überaus gut aussehenden Mann“ (Iannone), der beim ersten Treffen einen in Zeitung verpackten Fisch unterm Arm trug. Die künstlerische Autodidaktin lebte, liebte und arbeitete sieben Jahre lang mit ihm zusammen und blieb auch nach der Trennung von dem Fluxus-Star in Berlin.

Den Trennungsschmerz sieht man ihren Arbeiten noch immer an. Bis heute wirken die Sujets unmittelbar und intensiv. Ihr Leiden ließ die Künstlerin ebenso ins Werk fließen wie zuvor die Hochphasen der Beziehung. Die nackten Männer beim Sex sind häufig Porträts des einstigen Geliebten. Später benennt sie ihr Trennungstrauma in dem Video „Aua Aua“-Box (1972) – und artikuliert ihre Verletztheit anrührend in dem Kinderlied „Scheiden tut weh“.

Eine Zeitlang galt Roth sogar als „männliche Muse“ der radikalen Künstlerin, sie selbst als sexual rebel. Schon 1967 hatte Iannone ein Buch mit den Namen ihrer bisherigen Liebhaber veröffentlicht. Damit ist sie unschwer als Vorbild für jüngere Künstlerinnen wie Tracey Emin zu identifizieren. Iannones Zeitgenossen mögen die vollen Brüste, Schamlippen und erigierten Penisse als Provokation empfunden haben. Sie selbst brauchte den Tabubruch zur Gewinnung individueller Freiheit. Schon in den USA hatte die Künstlerin erfolgreich gegen das Verbot von Henry Millers Büchern geklagt. Und als man 1970 in Bern vor einer Ausstellungseröffnung die Genitalien auf einem Bild überklebte, zog Iannone ihre Arbeit einfach ab. Dabei wäre ihr alle Aufmerksamkeit sicher gewesen. Darum aber geht es Iannone nicht. Es sind die ehrlichen Gefühle, die sich in ihren sinnlichen Darstellungen ebenso offenbaren wie in ihrem Kummerwerk. Christiane Meixner

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben