Zum 80. von Peter Stein : Von der Schaubühne in den Olivenhain

Er suchte immer nach weiten Spielfeldern, an der Berliner Schaubühne genauso wie bei seinem Mammut-Projekt des ungekürzten "Faust". Jetzt wird der Regisseur Peter Stein 80.

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Im Feldhernmantel. Peter Stein zur Zeit des „Wallenstein“ in Berlin. Foto: Thilo Rückeis
Im Feldhernmantel. Peter Stein zur Zeit des „Wallenstein“ in Berlin.Foto: Thilo Rückeis

So wie die Rede bei Frank Castorf sofort auf die Volksbühne kommt, verbindet sich auch heute noch für viele die Schaubühne mit dem Namen Peter Stein. Die alte Schaubühne: Er hat ihren Weltruhm nicht allein begründet, er legte 1985 die Leitung dann auch bald nieder, weil er sich in dem neuen Haus am Lehniner Platz nicht wohlfühlte. Dort hat er die legendären „Drei Schwestern“ inszeniert und auch noch manches andere. Doch am Halleschen Ufer, im heutigen HAU 2, gelangen ihm und seinem exzeptionellen Ensemble die großen Würfe, darunter die „Orestie“ des Aischylos und die Gegenwartspanoramen des Botho Strauß, die „Trilogie des Wiedersehens“ und „Groß und klein“, die inzwischen wie frühe Abgesänge auf West-Berlin wirken.

Schon damals suchte dieser deutsche Theatermann nach weiten Spielfeldern. Mit Shakespeare- und Antikenprojekten ging die Schaubühne in große Hallen. Klaus Michael Grüber, der künstlerische Antipode von Stein, nahm den Weg sogar ins Olympiastadion zu seiner „Winterreise“. All das ist sehr lange her, und man muss den Dingen ins Auge sehen: Peter Stein feiert an diesem Sonntag seinen 80. Geburtstag. Dieses Lebensalter umschreibt eine ganze Theatergeneration. Und geht darüber hinaus: Stein war an den Münchner Kammerspielen Assistent bei Fritz Kortner; von ihm mag er die strenge Theaterauffassung und den Drang zur Genauigkeit erworben haben, der bei Stein manchmal einen Dreh ins Pedantische bekommt. Der 1968 nach einer Aufführung des „Vietnam-Diskurs“ von Peter Weiss Geld für den Vietcong sammeln ließ und dafür in München gefeuert wurde, wird später zum Theaterdiktator. Die Schaubühne erfand dafür ein anderes Wort: Kollektivtheater. Als schneidend scharf wird sein Bremer „Tasso“ mit Bruno Ganz beschrieben – mit ihm und Kleists „Prinz von Homburg“ eroberte er Berlin, seine Geburtsstadt.

Nie wieder werden Theaterchefs eine solche Machtfülle genießen

Stein gehört zu den 68ern, die ihre Befreiung von der Vätergeneration zu einer unwiederholbaren Erfolgsgeschichte gemacht haben. Nie wieder werden Regisseure und Theaterchefs eine solche Machtfülle genießen und einen solchen Künstlerstatus. Nie wieder sollten ältere Regisseure so über ihre Nachfolger lästern, wie ein Stein oder ein Peymann es getan hat. Diese Olympier haben sich um den Nachwuchs auch nicht wirklich gekümmert. Sie wurden bitter.

Peter Stein hat in den neunziger Jahren mit der Schaubühne gebrochen. Ihm schwebten Monumentalaufführungen vor. Sein magischer Realismus begann sich zu trotziger Texttreue und statuarischem Stil zu wandeln. Dabei vermag Stein selbst Goethetext vorzutragen wie kaum einer. Sein ungekürzter „Faust“ im Jahr 2000 bei der Expo in Hannover und nachher in Berlin dauerte bald 24 Stunden, 2007 folgte Schillers „Wallenstein“- Trilogie mit Klaus Maria Brandauer. Auch solche bildungsbürgerlichen Extremkletterpartien wird es wohl nie wieder geben. Ob man es mochte oder nicht: Diese Gipfeltouren feierten das Ereignishafte des Theaters.

Von dem blitzenden Regietheater aber war nicht viel geblieben. Davor schon hat er sich der Oper zugewandt – und Italien. Im umbrischen San Pancrazio baut er zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Maddalena Crippa, Oliven an. Das Landgut mit seinen 160 Hektar offeriert auch Ferienwohnungen. 2016 inszenierte er an der Scala in Mailand „Die Zauberflöte“, in diesem Sommer im kleinen antiken römischen Theater von Verona Shakespeares „Richard II“.

Jürgen Flimm, vier Jahre jünger als Kollege Stein, schickt ihm in der „Opernwelt“ einen hübschen Geburtstagsgruß. Da nennt er Stein den „bedeutendsten deutschen Regisseur neben Grüber und Zadek – und der bleibt er“. Flimm mischt immer noch mit an der Staatsoper in Berlin, Stein grollt und ist Großgrundbesitzer. Wie reich ist unser Theater an Charakteren!

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