Zum Abschluss des Theatertreffens : Der Musenstempel

Ganz locker und verkrampft und furchtbar witzig: Die Bilanz des 50. Berliner Theatertreffens fällt nüchtern aus

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Krieg und Frieden: Aus Leipzig war Sebastian Hartmanns Inszenierung nach Tolstoi eingeladen.
Krieg und Frieden: Aus Leipzig war Sebastian Hartmanns Inszenierung nach Tolstoi eingeladen.Foto: Barbara Braun/MuTphoto

Sie war das Gesicht des diesjährigen Theatertreffens. Obwohl von ihr erst einmal nichts zu sehen war. Versteckt in einer riesigen Boutiquentüte kroch Sandra Hüller auf allen Vieren über die eisbedeckte Bühne, um sich dann jammernd und ächzend zu befreien und darauf - nichts als fleischfarbene Unterwäsche am Leib - auf phänomenale Weise und in immer neuen Schleifen und Wiederholungen aus der leerlaufenden Selbsthass-Textfläche von Elfriede Jelinek komödiantische Funken zu schlagen. Für diese Rolle wurde Sandra Hüller am Pfingstmontag mit dem mit 10 000 Euro dotierten 3sat-Preis ausgezeichnet.

Eine Frau kauft sich also einen teuren Rock, muss dann aber feststellen, dass der an ihr gar nicht so göttlich hingegossen und glamourös aussieht wie an dem Fotomodell, an dessen Idealleib sie das Objekt zum ersten Mal erblickte. Kleider sind doch nur Kleider und führen in den allermeisten Fällen zu keiner Selbstverwandlung? Es ist schon wieder beeindruckend, mit welcher Ausdauer Elfriede Jelinek aus dieser Null-Erkenntnis hundertzwanzig Seiten generiert. Umso phänomenaler, wie es Sandra Hüller und ihrem Regisseur Johan Simons gelingt, aus dieser dünnen Vorlage immer noch eine Hysteriefacette hervorzuzittern und immer noch einen paranoiden Nebenstrang aufzuspüren und zum Strahlen zu bringen. „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ von den Münchner Kammerspielen ist kein ernst zu nehmener Theatertext, sondern eine Auftragspetitesse zum 100. Geburtstag des Hauses. Also eigentlich ein Theaterwitz, der es wohl nur wegen der großartigen Hüller zum Theatertreffen geschafft hat.

Andererseits, war nicht das genau der rote Faden der diesjährigen Auswahl? Der Theaterwitz. Sebastian Hartmanns „Krieg und Frieden“ aus Leipzig schleppte sich trotz berührender Szenen und gelungenem Setting durch Tolstois Megaroman und erreichte nur mithilfe hemmungsloser Figurenverjuxung nach fünf Stunden die Ziellinie. Karin Henkel brachte aus Köln Hauptmanns „Die Ratten“ mit. Auch hier war der Anfang vielversprechend. Das Spiel beginnt in einer Garderobe, man sieht die Schauspieler in ihre Kostüme, in ihre Rollen schlüpfen. Es liegt für kurze Zeit eine Jürgen-Gosch-Spannung, eine analytische Neugier in der Luft, eine Staunen über das Rätsel, wie aus gewöhnlichen Menschen Figuren werden und sich ein normalen Raum in eine Bühne verwandelt, in der sich etwas Überraschendes zeigt. Doch dann verschleudert sich der Abend an die Karikatur und den wohlfeilen Theaterbetriebskalauer. Man zieht sich ständig um, macht Witze über „Shakespeare-Kunst-Kacke“ und brüllt sich die Seele aus dem Leib.
In diesem Zusammenhang ist es eine bittere Pointe, dass der überzeugendste Abend, „Murmel Murmel“ von der Berliner Volksbühne, eben nichts anderes sein soll als Klamauk. Herbert Fritsch macht ein Theater nach dem Tod des Theaters. Er kann mit seinen akrobatischen Späßen brillieren, er kann machen, was er will, weil sich der Zuschauer darauf eingestellt hat, dass er so etwas wie Sinn sowieso nicht erwarten darf.

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