Kultur : Zum Abschuss

Halil Atlinderes Welt im Kunstraum Tanas.

Claudia Wahjudi

Geld und Gewalt, Alphamänner und Verlierer, Wasser und Wüste: Die Welt des Halil Atlindere steckt voll archaischer Motive. Doch seine Kunst handelt vom Jetzt, wie seine Ausstellung bei Tanas zeigt, seine erste Einzelschau in Deutschland. Tanas-Chef René Block hatte sie im Vorjahr bereits weniger umfangreich in Istanbul präsentiert. Bilder aus Politik, Alltag, Metropole und Provinz fügen sich zu einer Erzählung über Macht und Ohnmacht – ohne den Betrachter zu überwältigen, dank des Humors von Atlindere.

Auf den ersten Blick aber regiert nackte Gewalt. Schusswaffen, wohin man schaut, etwa auf den drei großen Bildern, die Altindere nach Fotos hat malen lassen: Semra Özal, ehemals First Lady der Türkei an der Seite von Turgut Özal, hat eine Pistole gezückt, Bülent Ecevit geht zwischen bewaffneten Leibwächtern in Deckung, und Recep Erdogan duckt sich hinter die Sandsäcke wachhabender Soldaten. Zwar spiegeln die Bilder Status, Zeit und sogar Politik der Abgebildeten, zugleich lassen sie an überzeitliche Tragödien denken, die wie „Macbeth“ vom Willen zur Macht und der Angst ums nackte Leben handeln. Altinderes Antithese hängt an der gegenüberliegenden Wand: Fotografien von selbstbewusster Frauen. Um den Hals tragen sie Goldkettchen, für die der Künstler zierliche Buchstaben schmieden ließ – mit Zitaten der feministischen Militärgegnerin und Anarchistin Emma Goldman.

Der Schmuck selbst liegt in samten ausgeschlagenen Vitrinen aus. Halil Altindere, 1971 im osttürkischen Mardin geboren, Teilnehmer der Documenta 2007 und der Gruppenschau „Istanbul Next Wave“ 2009 in Berlin, wechselt zwischen Genres und Stilen. Neben Fotos, Gemälden, Filmen, Performances zählt zu seinem Werk die Bearbeitung staatlicher Hoheitszeichen wie Briefmarken. Bei Tanas läuft die großartige „Mesopotamien-Trilogie“, ein lakonisch-surreales Epos, das von alten Bräuchen und dem neuen Kampf ums Wasser in der Grenzregion handelt. Altindere gilt als ein Vertreter jener jüngeren Generation zwischen Bosporus und Van-See, die sich für Identitäten interessiert, für Sprachen, Geschlechter, Überlieferungen und soziale Ordnungen.

Altinderes drastisch-komische Wachsfiguren, darunter ein Verwirrter mit Pistole („Mad Man“), die höchst lebendig aussehen, wirken wie Besucher. Umgekehrt wird ein versunkener Zuhörer der sonnabendlichen Ausstellungsgespräche versehentlich für eine Figur gehalten. Wer verrückt und somit einer Abbildung in Wachs würdig ist und wer bloß Besucher, das geht hier gekonnt durcheinander. Claudia Wahjudi

Tanas, Heidestr. 50, bis 24. 11.; Di-Sa 11-18 Uhr, Ausstellungsgespräch am 26. 10. um 14 Uhr mit Doris Krystof.

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