Zum Beginn der 8. Berlin-Biennale : Gut gepolstert

Berlins wichtigstes Kunstereignis, die Biennale, geht zum achten Mal an den Start. Doch worum geht es in diesem Jahr? Wir sagen es Ihnen.

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An bitterkalten Tagen wie diesen besitzen kuschelige Räume eine ungeheure Attraktivität. Als hätte Juan Gaitán den abrupten Temperatursturz, Eis, Schnee präzise vorausgesehen, gibt er den vorzeitigen Startschuss für die achte Berlin Biennale (29. 5. bis 3. 8.) mit Eröffnung einer Wohlfühl-Lounge ab. Der norwegisch- griechische Architekt Andreas Angelidakis hat für ihn einen Salon mit dazugehöriger Bibliothek im Vorderhaus der Kunst- Werke eingerichtet. Das erste Biennale- Werk ist damit in der Welt.

Die Melodie für die Großausstellung, Berlins wichtigstes Kunstereignis in diesem Jahr, ist also angestimmt, wenn es auch nur diese eine Stimme gibt und das gespielte Stück noch keinen Namen besitzt. Bislang fehlt der Biennale ein Titel. Doch worum es im großen Ganzen geht, das spürt der Besucher sogleich, der Angelidakis’ Installation betritt: um Räume und deren Bedeutungsverschiebung, um Artefakte und deren Reise um Welt.

Der griechischstämmige Künstler hat Teppiche auf Trödelmärkten seines Heimatlandes erworben und über diverse Sitzblöcke gebreitet, dazu weiße Gipssäulen arrangiert. Der Besucher darf sich niederlassen, in den ausgelegten Büchern zu Philosophie und Kunst lesen. Die nächsten Gesprächsrunden mit den kommenden Biennale-Künstlern sind hier geplant. Der Titel „Crashpad“ bezieht sich nicht nur auf die dicken Sporthallenmatten und die gepolsterten Rückzugsorte für Drogenkonsumenten in den Siebzigern, sondern auch auf jenen ersten Schutzschirm, den Frankreich, Deutschland, Großbritannien aufspannten, als Griechenland Ende des 19. Jahrhunderts in seinen ersten Bankrott kurz nach der Unabhängigkeit schlidderte. „Das erinnert doch alles sehr an die Gegenwart“, so Angelidakis, der mit seinem Raum auch auf die damalige Gleichzeitigkeit von ländlichem Leben und archäologischen Großtaten anspielt.

Juan Gaitán geht es also nicht um Agitation wie dem letzten eher glücklosen Kurator, und auch nicht um ein Berlin- Mitte-Sentiment, das mancher Vorgänger-Biennale zum Erfolg verhalf. Trotzdem zielt er auf eine politische Dimension, bei gleichzeitigem Berlin-Bezug, das gab er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Biennale-Macher klar zu verstehen. Das veränderte Selbstbild der Stadt und deren Rückbesinnung auf das 19. Jahrhundert fasziniert den aus Brasilien stammenden Kanadier. Ihn reizt das Humboldtforum und der geplante Transfer der ethnologischen Sammlungen vom Rand ins Zentrum der Stadt. Wichtigster Standort werden für die Schau deshalb die Dahlemer Museen sein. Dort will die Biennale erforschen, wie sich große Geschichte und individuelle Lebenswege kreuzen.

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