Zum Fest in die Kneipe : Weihnachten? Ick jeb dir gleich Weihnachten!

Pünktlich zum Fest hat Schriftsteller Johannes Groschupf einen Streifzug durch Neuköllner Eckkneipen unternommen. Hier gibt es harte, aber herzliche Worte für alle, auf die zuhause keiner wartet.

Johannes Groschupf
Gute Stube: Draußen der Schneematsch, drinnen das Pils zum Aufwärmen.
Gute Stube: Draußen der Schneematsch, drinnen das Pils zum Aufwärmen.Foto: Mike Wolff

Draußen beginnt es zu tauen, auf den Bürgersteigen stiefelt man durch grauen Matsch. Mittags wird es schon wieder dunkel. Wer jetzt kein Geschenk hat, kauft auch keines mehr. Im „Maybach-Stübchen“ sind fast alle da, wie immer. Man ist froh, dass man im Trockenen sitzt, und sieht durch die Gardine, wer gleich kommt: „Na, Elsken kommt auch.“ Als Else hereinkommt, auf alle Tische zweimal klopft, sich hinsetzt, ihr Bier hingestellt bekommt und den Korn dazu, sich eine Zigarette anzündet, da heißt es gleich: „Warste beim Frisör! Siehst aus wie geleckt!“ Else lacht geschmeichelt, sagt aber erst mal nichts. „Na Else, so ruhig heute.“ Sie antwortet mit einem kleinen Anlauf: „Erst mal ak-klima-ti-sieren!“ Das Wort geht ihr geschmeidig über die Lippen, alle staunen, und sie freut sich.

Mitten im Schankraum ist ein Baum installiert, durch dessen Zweige sich eine blinkende Leuchtgirlande schlängelt. Neben der Theke steht ein Barhocker, darauf ein Körbchen, und darin thront der heimliche Herrscher dieses Lokals: Mäxchen, der Pekinese der Wirtin. Alle kommen, um ihn kurz zu kraulen. Angelika führt die Kneipe seit 22 Jahren; es waren viele gute Jahre, aber jetzt muss sie zusetzen. Neue Kunden kommen nicht mehr, und die Stammgäste sterben ihr allmählich weg. Neulich gab es ein Spanferkelessen, „das konnte sogar einer essen, der keine Zähne mehr hat, so zart war das!“ Ja, früher. „Manchmal sind wa erst um sechse raus, det schaff ick heute nich mehr.“

Ein kleiner Mann kommt rein, rote Kappe, Halstuch, Lederjacke. „Ein Meter vierzig geballte Erotik“, sagt die Frau am Stammtisch. Er bringt Angelika einen Blumenstrauß mit. „Aber nun jeden Tag nicht“, sagt sie gerührt. „Da träumste von“, sagt er. „Von dir nich“, gibt sie zurück, „höchstens Alpträume.“ Sie achtet immer etwas darauf, dass er nicht zu viel trinkt; „denn wird er bösartig, und det wolln wa doch nich“.

Hinten sitzen welche beim Skat. Alfred hält einen Grand mit dreien in der Hand: „Det is wie Weihnachten.“ Die Karo-Flöte spielt er gnadenlos runter: „Und ab geht die wilde Fahrt!“ Die anderen kommen nicht einmal aus dem Schneider, knallen maulend die Karten auf den Tisch, mischen neu, teilen aus, es kann nur besser werden.

„Zum Tiger“, Sonnenallee. Vormittags schon volles Haus. Alle müssen noch mal vorbeischauen, auf ein oder zwei oder drei Bierchen und ein paar Kurze, ach was, machste noch einen. Wenn man doch Durst hat! Am Stammtisch hängt das Schild „Löschwassereinspeisung“. Am Billardtisch spielen die Meister.

Maradona kommt mittags dazu; Maradona deshalb, weil er an beiden Handgelenken dicke Armbanduhren trägt. „Mittelmaß is bei mir nich!“ Holzfällerhemd, Cowboystiefel, dünner Pferdeschwanz. Wenn er spricht, tippt er seinem Gegenüber nachdrücklich mit dem Finger an die Brust. Er liebt Witze und lacht über seine eigenen am liebsten. Eben ist er so im Überschwang, da stößt er sein Bierglas um, dass es seinem Gegenüber auf die Hose spritzt. Maradona ruft zur Theke rüber: „Nicole! Bring ma ne Windel! Achim hat sich einjepullert!“ Die Lacher hat er auf seiner Seite. Als Achim geht, will er ihm noch was Nettes sagen: „Tschüß, Alter, und schöne Grüße an deine Katze!“

Eine Kneipe ist wie ein Wohnzimmer; da fallen Fremde auf

Der Nebenmann bestellt noch eine Pulle Schultheiss; die Wirtin ist heute gut aufgelegt und bietet sie ihm dar, Etikett nach vorn, wie eine edle Weinflasche. Er schnuppert das Bouquet, kostet den ersten Schluck und schnalzt genießerisch: „Ein Gedicht!“

Ein Mann kommt rein, langer Mantel, unauffälliges Gesicht, wie ein Kassenwart in einem Verein. Geht gleich vor zur Theke; die Gespräche der anderen verstummen. Wat will der hier? Eine Eckkneipe ist eigentlich ein Wohnzimmer; da fallen Fremde auf. Die Wirtin: „Wat willste.“ Er grüßt, bestellt ein Bier. „Kugel oder Henkel?“ Kugel reicht ihm. Sie lässt ihn sieben Minuten zappeln, ehe sie ihm das Glas hinstellt. Und er, nach einem langen Zug, wischt sich den Schaum von der Lippe, fragt in die Runde, als wolle er eine Bestellung aufnehmen: „Was wünschen Sie sich eigentlich?“ Prompte Gegenfrage: „Wat bistn du fürn Komiker?“ - „Ich? Der Weihnachtsmann!“ sagt er und nimmt den nächsten Zug. Maradona über die Schulter: „Ja, und ich der Kaiser von China!“ Der Mann bleibt nicht lang, trinkt aus und geht; man tippt sich vielsagend an die Schläfe.

„Bienenkorb“, Hermannstraße. Die ersten stehen, wie jeden Tag, schon um acht vor der Tür, wenn die Wirtin aufmacht. Harry kommt immer zehn Minuten nach acht. Anfangs ist er ein stiller Mann, in sich gekehrt; war mal Feuerwehrmann, später Hausmeister, auch mal verheiratet. Jetzt steht er jeden Tag an der Theke und kann jede Frau haben, sagt er jedenfalls, wenn er das sechste Bier verarbeitet hat. Dann geht er an die Musikbox, tippt seine Lieblingsschlager, singt sie lauthals mit, und sein Körper schwingt dazu, das ist ein Rhythmus, bei dem er mitmuss. Mittags hat die Wirtin Ulla die Faxen dicke, als er wieder krakeelt, er könnte jede Frau haben, sofort, aber hallo! Er schaut sie ganz verliebt an und singt: „Steig in das Traumboot der Liebe!“ – „Jetzt reißte dir am Riemen“, sagt sie, „sonst waret dein letztet Bier.“ Da gibt Harry für eine Weile Ruhe, nach Hause will er noch nicht.

Hinter Ulla an der Theke klebt die Warnung „Im Angebot: Scheißlaune“; und das trifft auf sie voll zu. Seit sie am Dienstag beim Arzt war, ist sie erkältet, muss sich dauernd schnäuzen, die Augen sind rot, die ganze Frau ist dünnhäutig und ihr Tonfall barsch. Den Gästen stellt sie das Bier hin, ohne ein Wort zu sagen. Sie kassiert ab, ohne nachzuzählen. Unruhig war sie schon vor dem Arztbesuch, hatte immer diesen Knoten in der linken Brust, und der tat seit Wochen weh. Hat sie niemandem gesagt, man kann doch nicht gleich zum Arzt rennen, muss doch jemand hinterm Tresen stehen und die Stellung halten. Jetzt hat der Arzt ihr reinen Wein eingeschenkt, sie muss unters Messer. Schöne Bescherung. Aus dem Lautsprecher dröhnt es: „Herzilein, du musst nicht traurig sein!“

Der hübsche Holger sitzt breit an der Theke; ein Icke-Neuköllner: Schnurrbärtchen, wellig onduliertes Haar, Ohrring. Drall, aber beweglich. Er telefoniert lautstark am Handy: „Ja, inne Tiefkühltruhe! Mach hinne, ick hab hier zu tun!“ Danach nimmt er sich den Rest seines Bieres vor. Die Frau neben ihm lacht, weil sie nur noch wenige Zähne hat, mit geschlossenem Mund.

„Café Klebearsch“ verkündet das handgefertigte Schild über ihnen. Ein Mann mit nassem Mantel kommt rein, bestellt ein Bier, trinkt, zahlt und fragt, als er eben geht, ob sie sich was wünschen. Keiner hört hin. So’n Quatschkopp. Er wünscht schöne Weihnachten und geht. Aus der Musikbox tönt es: „Mädchen mit roten Haaren, die musst du fragen, wie man sich küsst.“

Die Stimmen der Frauen und Männer summen und brummen durcheinander wie in einem Bienenstock. Man rückt näher, steckt die Köpfe zusammen. Der Nachmittag verrinnt, draußen läuten die Glocken, die zum Gottesdienst rufen, dann redet man drinnen etwas lauter, Polizeisirenen jagen vorbei, aus der Musikbox schallt es: „Du bist so heiß wie ein Vulkan, und heut verbrenn ich mich daran!“

Am Nebentisch erzählt Dieter: „Ich hab heute die Bude sauber gemacht. Hab ich überlegt: Machste den Ofen an? Oder bewegste dir? Hab ich meine Küche geputzt, den Fußboden, schön den Abwasch gemacht, dann die Stube, war so in Schwung, auch im Schlafzimmer das Bett aufgeschüttelt, tiptop tadellos, kann jederzeit ne Braut zu mir kommen.“ Sein Zuhörer trocken: „Oder der Weihnachtsmann.“ Na, lieber den Ball flach halten; sie bestellen sich noch zwei Bier.

Nach Hause will keiner. Zu Hause wartet niemand auf sie, und der Weihnachtsmann hat anderswo zu tun. Wenn die Wirtin aber doch schließt, gehen sie hinaus in den Abend, geben sich zum Abschied die Hand. Und mit berlinischer Zurückhaltung sagt man: „Ick wünsch dir wat!“

Johannes Groschupf lebt als Schriftsteller in Berlin – auf der Kreuzberger Seite des Landwehrkanals. Zuletzt erschein sein Roman „Hinterhofhelden“ (Eichborn).

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