Zum Geburtstag : Plácido Domingo wird 70

Der spanische Tenorissimo Plácido Domingo feiert seinen 70. Geburtstag. Seine Hilfsprojekte zeichnen ihn aus wie die Ehrungen für sein Lebenswerk.

von
Seine 70 Jahre merkt man Domingo nicht an.
Seine 70 Jahre merkt man Domingo nicht an.Foto: dpa

Tenorissimo hier – und das „tief mitleidvolle Naturell“ eines Parsifal dort: Die Fülle des Lebens, die künstlerische Mannigfaltigkeit des Sängers und Menschendarstellers ist schwer zu überbieten. Plácido Domingo hat kürzlich seine 3500. Vorstellung gesungen, in Wien. Da ihm das Repertoire seines Stimmfachs zu eng (und beschwerlich) wird, debütiert der Tenorissimo als Bariton. An der Berliner Staatsoper unter Daniel Barenboim, später an Covent Garden wird er als Simon Boccanegra umschwärmt. Darüber hinaus dirigiert er selbst häufiger Italienisches an den Opern von Washington und Los Angeles, deren Direktor er ist, und überall, wo man den Sänger liebt. Den Titel „Tenorissimo“ teilen sich inzwischen zehn australische Tenöre als Pop-Ensemble, aber „wir waren Initiatoren dieser Popularisierung“, sagt Domingo.

Versteht sich, dass er damit auf die „Drei Tenöre“ – Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und José Carreras – anspielt, die zur Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in den römischen Caracalla-Thermen ein noch nie so da gewesenes Konzert gegeben haben: Jenes Medley mit drei Tenorpartien und Orchester, das Zubin Mehta dirigiert, zählt zu den meistverkauften Klassikaufnahmen aller Zeiten. Aus dem Event ist ein Unternehmen geworden mit vielen hoffnungsfreudigen Nachahmern. Einmalig aber ist der spanische Tenorissimo als Plácidissimo, wie ihn die Plattenwerbung unter Berufung auf seine Fans nennt.

Das Kind aus Madrid gelangt 1949 nach Mexiko City, begleitet von der Zarzuelakunst seiner Eltern. Er studiert Klavier, Dirigieren und Gesang am Conservatorio National, um nach einem Intermezzo in Israel mit Mitte zwanzig schon ganz Europa, die Vereinigten Staaten, überhaupt den Weltkreis der Oper zu erobern.

„La donna è mobile“ – der hochmusikalische Verführer mit dem dunkel timbrierten Kehlengold singt Duca, Otello, Trovatore so, dass das bewunderte Legato, aber auch die feine Anstrengung, mit der die Stimme ihre Spitzentöne erklimmt, als Ausdrucksmittel, Gefühlsmomente wirken. Zum italienischen kommt das französische, das deutsche Fach, Wagner besonders. Ganz leise wird sein Lohengrin bei der Stelle: „Dann muss er von euch ziehn.“ Und was im Konzert kaum zu erleben ist, gelingt Domingo in der Einspielung der neunten Symphonie Beethovens unter Karl Böhm – strahlende Höhe über dem Herrenchor: „Wie ein Held zum Siegen“. Sprachschwierigkeiten sucht er mit Disziplin zu begegnen. Die Zahl der Rollen sind Legion. Man spricht von über 130. Verdi, Rossini, Puccini, Bizet, Massenet, Offenbach, Leoncavalli, Weber, Wagner, sogar Händel, Gluck und Mozart. Zu schweigen von dem, was einem populären Sänger noch weiter so zufällt von Lehár bis Andrew Lloyd Webber.

An der Lindenoper versucht er 2009 seinen Nachsommer-Parsifal im grauen Haar: ein Abglanz der „Parsifal“-Aufführung unter James Levine bei den Bayreuther Festspielen 1993, wo die Stimme ihr Leuchten einem Abenteuer der Neuheit gab. Der Darsteller nämlich war sensationell: mit einer ganz ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit auf die Ganzheit der Handlung konzentriert. „Mitleid“ als Anteilnahme des Schauspielers, auch wo er auf der Bühne nicht zu singen hat, Kunst des Zuhörens.

Heute feiert Plácido Domingo den 70. Geburtstag. Seine Hilfsprojekte zeichnen ihn aus wie die Ehrungen für sein Lebenswerk. Der Terminkalender sieht weitere Langstreckenflüge vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar