• Zum Jubiläumsjahr kommen vertonte Werke des Dichters neu oder überarbeitet auf den Markt

Kultur : Zum Jubiläumsjahr kommen vertonte Werke des Dichters neu oder überarbeitet auf den Markt

Uwe Friedrich

Die letzte Rettung für lesefaule Schüler ist seit eh und je Kindlers Literaturlexikon. Wer partout nicht alle weinerlichen Briefe des leidenden Werther oder alle amourösen Verstrickungen des wandernden Wilhelm Meister selber lesen will, der kann hier, auf wenige Spalten reduziert, alle nennenswerten Informationen finden. Wenn der Lehrer dann unbedingt mehr Details wissen will, so wird im Deutschunterricht eben beherzt dazu erfunden. Humorlose Pauker haben dafür natürlich kein Verständnis - ebenso wenig wie für viele Bearbeitungen von Goethe-Stoffen für die Opernbühne, vor allem in Frankreich. Skrupellose Librettisten haben es tatsächlich gewagt, die austarierte klassische Dramturgie Goethes kurz und klein zu schlagen: Hauptsache es gibt genügend Anlaß für schöne Arien. Gounods "Faust" ist das berühmteste Beispiel. Aber zum Goethe-Jahr kommen auch andere Werke in neuen Aufnahmen oder als Wiederveröffentlichung auf den CD-Markt, so Jules Massenets geschickte Bearbeitung des Briefromans "Die Leiden des jungen Werther".

Die undramatischen Briefe eines passiven Helden sind Massenet nur der Anlaß, das Seelendrama Charlottes darzustellen, die sich entscheiden muß zwischen Liebe und Pflicht. Ein lyrisches Drama ist dabei herausgekommen, ein zartes Psychogramm. Doch in der Neuaufnahme mit Vesselina Kasarova und Ramón Vargas macht der Dirigent Vladimir Jurowski schon während der ersten Vorspiel-Takte klar, dass die Oper diesmal nicht in Deutschland spielt, sondern eher nahe Moskau. So aufgeheizt, aufbrausend ist der Klang, als handelte es sich um ein slawisches Drama. Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt farbenreich, differenziert, aufschäumend, ein wenig rauh. Dabei hat Jurowski das Geschehen immer unter Kontrolle und erhält offenbar genau die von ihm gewünschten Resultate. Doch wird der Zuhörer den Verdacht nicht los, es handele sich um ein grandioses Mißverständnis. Wo dosierte Verzögerungen nötig wären, da bringt Jurowski die Musik fast zum Stillstand, wo der Orchesterklang subtil erotische Schwingungen haben müßte, braust ein Sturm über den Hörer hinweg. Was bei Tschaikowski funktioniert, wirft bei Massenet Probleme auf. Zumal wenn auch der Titelheld unter geographischer Verwirrung leidet.



Der junge mexikanische Tenor Ramón Vargas scheint als Werther nämlich gerade auf seiner italienischen Reise zu sein. Die Titelpartie ist knifflig, erfordert ebenso dezentes Sentiment in den lyrischen Passagen wie große Kraftreserven für die dramatischen Ausbrüche. All das kann Vargas zwar, doch fehlt es ihm an stilistischem Gespür für die schwebenden Feinheiten der französischen Oper. Stattdessen singt er sich grobschlächtig durch das Werk, als hätte er es mit neapolitanischen Weisen für Millionen zu tun.

Die große Enttäuschung dieser Aufnahme ist aber Vesselina Kasarova als Charlotte. In dieser Traumrolle jeder Mezzosopranistin brillierte sie nicht zuletzt konzertant in der Deutschen Oper an der Seite von Alfredo Kraus. Was ihr im Konzert so grandios gelang, die gesangliche Darstellung des Seelendramas zwischen großem Gefühl und Pflichtbewußtsein, das schlägt in dieser Neuaufnahme fehl. Die Stimme ist kaum je wirklich frei, hat selten jenen verletzbaren Schimmer, der Gesang erst spannend macht. Die kleineren Rollen hingegen sind gut besetzt, vor allem mit Berliner Solisten wie Roman Trekel, Christoph Genz oder Frank Baer. Aber wer kauft eine "Werther"-Aufnahme wegen Johann, Schmidt und Brühlmann?

Für seine Oper "Mignon" hat sich Ambroise Thomas Goethes "Wilhelm Meister"-Roman zur Vorlage genommen. Bis zum Krieg war die Oper in Deutschland ungemein populär, hat sich aber danach nicht halten können. Höchstens im Wunschkonzert singt Fritz Wunderlich gelegentlich die eine oder andere Melodie. Bei Sony ist nun eine Gesamtaufnahme aus dem Jahr 1978 wiederveröffentlicht worden, bei der alle Solistennamen halten, was sie versprechen: Marilyn Horne und Frederica von Stade, Alain Vanzo und Nicola Zaccaria, sie machen das musikalische Schaumgebäck zum Hochgenuß. Nur der Dirigent Antonio de Almeida leitet das Philharmonia Orchestra etwas zu eintönig. Mehr Glut und knisternde Spannung hätte man dem Werk um sexuelle Irrungen schon gewünscht. Aber die Koloraturen von Sopran und Mezzo perlen, der Tenor hat genau die klitzekleine Träne in der Stimme, die so wohlig mitleiden läßt. Ein Muß für jeden Liebhaber der französischen Oper.

Auch deutsche Komponisten haben sich mit Goethes dramatischen Werken auseinandergesetzt, allerdings ist nie ein Opernerfolg daraus geworden. Diesen Ehrgeiz hat Robert Schumann bei seiner Vertonung von "Szenen aus Goethes Faust" wohl gar nicht erst gehabt. Vielmehr wählte er aus beiden "Faust"-Teilen Szenen aus und vertonte sie in faszinierenden, rätselhaften Bildern. Seine "Faust"-Szenen sind eher ein Vorgänger von Mahlers Achter Symphonie als eine romantische Kantate oder gar eine Oper. Herreweghe hat, das ist selten unter Dirigenten der "Alte-Musik"-Bewegung, Gespür für die große romantische Form, ohne Details zu vernachlässigen. So gerät ihm seine Einspielung mit dem Orchestre des Champs Élysées und seinen wunderbaren Solisten Wiliam Dazeley, Kristinn Sigmundson und Camilla Nylund zum Plädoyer für eine szenische Aufführung durch einen Künstler vom Kaliber eines Achim Freyer. Wer aus diesem "Faust" schlau werden will, sollte jedoch mindestens im "Kindler" nachgelesen haben, worum es in Goethes Drama geht . . .Jules Massenet: "Werther", BMG 74321 58224 2; 2 CDs. - Ambroise Thomas: "Mignon", Sony Classical SM3K 34590, 3 CDs. - Robert Schumann: "Szenen aus Goethes Faust", Harmonia Mundi HMC 901661.62, 2CDs.

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