Kultur : Zum Lachen, zum Weinen, zum Vergessen

GÜNTHER GRACK

"Die Stadt hat mich immer geschützt": Bürgermeister, Polizeipräsident, die Stadtverordneten sind seine Freunde, "weil ich die Schmutzarbeit für sie übernommen habe".Der bullige Mann, der das sagt, kühl, ohne Rechtfertigungszwang, hat als Bordellbesitzer angefangen und als Immobilienhändler weitergemacht; mit dem Aus- und Abräumen alter Häuser zugunsten lukrativer Neubauten ist er reich geworden.Ja, Anton Saitz, der da mit beiden Beinen fest auf der Erde vor uns steht, ist ein reicher Mann - ist er etwa "der reiche Jude", den man aus Fassbinders ominösem "Müll"-Stück kennt?

Er ist es, und er ist es auch nicht.Anton Saitz ist mit jenem namenlosen Juden geistes-, aber nicht blutsverwandt.Wir erfahren zwar, daß er seine Jugend in einem Konzentrationslager verbracht hat und daß der Name des KZ Bergen-Belsen wie ein Code-Wort funktioniert, um sich Zugang zu dem von Leibwächtern abgeschirmten Mann zu verschaffen, nirgendwo und -wann aber hören wir, daß er Jude sei.Das ist der kleine, große Unterschied zwischen der Person aus dem Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" und der Figur aus dem Spielfilm "In einem Jahr mit 13 Monden".Ihr Schöpfer freilich ist derselbe, der so hartgesottene wie zartbesaitete Rainer Werner Fassbinder.

1978, zwei Jahre nach der Buchveröffentlichung des Theaterstücks, drehte Fassbinder diesen Film, der durchaus keine Polemik gegen skrupellose Immobilienhaie ist, vielmehr Ausdruck seiner Trauer um einen Freund, der gerade aus dem Leben geschieden war.Der reale Armin Meier erscheint im Film als Erwin beziehungsweise Elvira Weishaupt: ein Mann, der sich aus Liebe zu einem anderen, eben jenem Anton Saitz, zur Frau umwandeln läßt und an dieser unglücklichen Liebe zugrunde geht.Ein radikaler Film, nicht nur als Zeugnis persönlicher Betroffenheit, sondern auch als Artefakt, als virtuose Montage filmischer Mittel einschließlich dokumentarischer Zitate - Drehbuch und Regie, Ausstattung, Kamera und Schnitt: alles Fassbinders eigenes Werk.

Der Sinn des Unternehmens, daraus ein Theaterstück zu machen, wie es die Berliner Volksbühne jetzt in ihrer Nebenspielstätte, dem Prater am Prenzlauer Berg, zeigt, mutet von vornherein fragwürdig an - unabhängig von der aktuellen Kontroverse um den Plan des Maxim-Gorki-Theaters, das "Müll"-Stück trotz der jüdischen Proteste, die schon 1985 in Frankfurt am Main seine Uraufführung verhinderten, nunmehr im Frühjahr 1999 in Berlin durchzusetzen.Der Film ist formal viel zu komplex, als daß er sich ohne Verluste in ein Bühnenwerk verwandeln ließe.Was der junge Regisseur Michael Talke zusammen mit seinem Dramaturgen Matthias Pees in dem ehemaligen Ballsaal zu bieten hat, ist nur ein ferner Reflex des Films, um nicht zu sagen: eine Ruine.

Mainufer, Schlachthof, Klostermauern, ein Hochhausflur mit endlos aneinandergereihten leeren Büroräumen: Barbara Steiners Einheitsbühnenbild macht aus alledem einen Schaukasten aus dem Rotlichtmilieu.Fünf Menschen, spärlich bekleidet, sitzen da hinter Glas auf Hockern vor einem Vorhang aus silbrigen Lamettafäden: drei Frauen, ein Mann und ein Zwitter mit kurzgeschorenem Männerkopf und prallem Büstenhalter.Langes Stillschweigen, dann endlich beginnt dieses Mannweib zu reden, von einem/seinem/ihrem "Leben, ohne daß man was, naja, dazu kann" - die gläserne Trennscheibe behindert zwar die Verständlichkeit, den Namen Anton Saitz aber hört man Erwin/Elvira hier schon einmal nennen.Darauf löst sich eine blasse Bikiniträgerin aus dem Glaskasten, tritt vorn an ein Mikrophon und singt einen Schlager von treuloser Liebe, Elvira gesellt sich dazu, entledigt sich der Jeans, gesteht der jungen Frau, daß sie sich in ihrer Not einen Strichjungen hat kaufen wollen - und jetzt knattert ein Hubschrauber über sie beide hinweg, gleich einem Jagdflieger, und sie müssen sich, immer wieder, auf den Boden werfen.Dann sind die anderen dran: Christoph, ein Freund, der Elvira verlassen hat, Irene, die Frau, mit der Erwin einmal verheiratet war, Schwester Gudrun, eine Nonne, die den von seiner Mutter zur Adoption freigegebenen Jungen damals betreut hat - alle haben sie nichts als Vorwürfe für Erwin/Elvira übrig.Schließlich flüchtet er/sie sich in einen Kinderwagen, regrediert gleichsam zu einem Kleinkind und wälzt sich derart im Babypuder, daß es aus dem Wagen mächtig herauswölkt.

"Ich bin der Erwin": für die langerhoffte Begegnung mit dem großen Saitz (Hendrik Arnst) bleibt Elvira wenig Zeit, zu wenig.Der allseits gefürchtete, nur von diesem einen Menschen geliebte Geschäftsmann rattert seinen Lebensweg wie ein Rapper herunter, vom Ensemble angehimmelt wie von Groupies, und schon tritt er wieder ab in den Schaukasten und verschwindet hinter dem Silbervorhang."So oder so ist das Leben", singt die Bikinidame (Astrid Meyerfeldt), übrigens ein Lied aus dem "Müll"-Stück, "so oder so ist der Tod", könnte Elvira fortfahren, beklagt ihr Verlassensein jedoch nur in einem in Krächzen und Fisteln ersterbenden Monolog.Der Schauspieler Bernhard Schütz hält die Rolle anrührend in der Schwebe zwischen den Geschlechtern; der Selbstmord der Filmfigur bleibt der Bühnenfigur unerfindlicherweise erspart.Mit dem Song "Bye-bye Blues" klingt die todtraurige Liebesgeschichte, blödsinnig heiter, aus.

Wieder am 12., 18., 19., 23., 24., 29.und 30.September, jeweils 21 Uhr.

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