Kultur : Zum Nazi gemacht

SIMONE MAHRENHOLZ

Mit so viel Wut war wohl selten ein Filmregisseur anläßlich seines Spielfilmdebuts vor die Kameras getreten.Vor amüsiert grinsenden Touristen und einem Häuflein Journalisten plazierte sich Tony Kaye gestern vormittag auf dem Mittelstreifen vor dem Brandenburger Tor: ein Ort, der ihm geschichtsträchtig genug schien, um seinen Protest an dem hierzulande am 25.2.bundesweit startenden Film "American History X" buchstäblich herauszuschreien.

Der Film über US-amerikanischen Rechtsradikalismus unter Jugendlichen war bereits in den USA in die Schlagzeilen geraten (Tagesspiegel am 13.11.).Der Regie- und Kameraarbeit des beispiellos hoch dekorierten britischen Werbefilmers war die Ästhetisierung des Faschismus vorgeworfen worden.In der Tat: nie hatte Hauptdarsteller Edward Norton mehr Sex-Appeal - mit sportlich gestählter Brust, auf der ein Hakenkreuz prangt, blickte er zeitweise in den USA von den Plakatwänden und mordet im Film in Slow Motion einen Schwarzen.Vor allem die Wandlung des Helden im Film zum Anti-Nazi sei nicht glaubwürdig, wirft man dem Werk vor.

Tony Kaye findet letzteres auch.Die Endproduktion des Films sei ohne ihn hergestellt worden und habe mit seiner Ursprungsvision nichts zu tun, so sein erbitterter Vorwurf.Hauptdarsteller Edward Norton habe zudem die Gelegenheit der Mitsprache dazu genutzt, "seine Rolle aufzuwerten und gleichzeitig die Integrität des Werkes zu verletzen." Vor allem habe man ihm, Kaye, verweigert, zusätzliche Stimmen von Schwarzen in den Film zu integrieren, um dem Gesamtwerk Tiefe und Ausgewogenheit zu verleihen.

Zweifellos hätten die von Kaye geplanten stärker dokumentarischen Elemente des investigativen Journalismus den äußerst Appeal-reichen Bildern aus der Welt der Hakenkreuze, Reichstagsflaggen und Hitlerportraits ein intellektuelles und emotionelles Gegengewicht verliehen.Da sein Vertrag das Recht auf den "final cut" nicht einschloß, möchte er dem entstandenen Film nun seinen Namen als Regisseur entziehen und den Namen ersetzen, vorzugsweise, durch "Humpty Dumpty".Ironischerweise verbietet einen solchen Vorgang seine eigene Gewerkschaft, der "Directors Guild of America", mit der Begründung, daß Kaye bereits öffentliche Kritik an dem Werk geübt hat.

Kaye klagte.Der Entscheid der Bundesgerichte steht noch aus.Sollte er seinen Feldzug gewinnen, wie der politisch höchst aktive Künstler annimmt, bedeutete das einen Präzendenzfall.Bis jetzt galt für Regisseure, gerade wenn einer ein Neuling war im Metier, in allen ähnlichen Fällen das ungeschriebene Gesetz, den Mund zu halten - waren man an weiterer Arbeit im Hollywood-System interessiert.

Kaye hingegen, der derzeit eine Dokumentarion über die amerikanische Abtreibungsdebatte fertigstellt, propagierte gestern dezidiert die Politik der "honesty", der Ehrlichkeit.Anders wird er wohl auch kaum seinen eigenen, öffentlich bekundeten Anspruch einlösen, "die Beatles der Filmwelt" zu werden.

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