Kultur : Zum Raum wird auch hier die Zeit

Kunstgeschichte als Lebensweg: zum 80. Geburtstag des Leipziger Malers Bernhard Heisig

Hermann Rudolph

Als Bernhard Heisig am Horizont der alten Bundesrepublik auftauchte, war das Erstaunen, ja die Betroffenheit groß. Es war in den siebziger Jahren, als sie, so pragmatisch wie zweifelnd an sich selbst, ihrer Geschichte so unsicher gegenüberstand wie vielleicht zu keinem anderen Zeitpunkt. Selbst der schmerzende Komplex der deutschen Teilung schien durch die neue Ost- und Deutschlandpolitik entsorgt zu sein oder doch auf dem Wege dahin. Da machte es schon Furore, dass da im anderen Deutschland ein Künstler gesichtet wurde, dessen Bilder vor Geschichte barsten, dessen Gestalten schrien, dessen Farben explodierten. Und: Das Epizentrum dieses Bebens, das sich ausgerechnet in Leipzig ereignete, einer notorischen deutschen Schwermutshöhle, lag in der gemeinsamen deutschen Vergangenheit, die sich gerade in zwei Geschichten aufzuspalten begann.

Dreißig Jahre später hat Heisig einen Bundeskanzler gemalt und ist von einem anderen, Gerhard Schröder, bei der Eröffnung seiner Jubiläumsausstellung vor wenigen Tagen geehrt worden. Der Malerfürst aus dem Osten ist zu einer repräsentativen Gestalt der Kunst im vereinten Deutschland geworden. Ohne sich zu dementieren, im Gegenteil: Vor aller Augen liegt nun das Phänomen, dass das Werk eines Künstlers ganz aus dem Aufsaugen, dem Durchdringen und Synthetisieren von Geschichte lebt. Und wie es zugleich von der lebenslangen suchenden Leidenschaft des Malens getragen wird. Es ist keine Spur eines falschen, pathetischen Zungenschlags dabei, wenn Heisig über ein Bild sagt, an dem er sich lange abgearbeitet hat: „Es ist mein Leben.“

Dabei ist Heisig eigentlich gar kein Historienmaler. In seinen großen Arbeiten, die „Die Beharrlichkeit des Vergessens“ oder „Gestern und in unserer Zeit“ heißen, allemal auch gewaltige, erdrückende, den Betrachter überfallende Formate, schafft er herausfordernde, heftig bewegte Bewusstseins-Panoramen, zusammengesetzt aus Menschen und Dingen, Geschichten und Mythen. Zum Raum wird auch hier die Zeit: Es ist, keine Frage, die Zeit, aus der wir kommen, die Zeit der großen Kriege und totalitären Verführungen, des deutschen Verfehlens und Versagens. Es ist immer noch unsere Zeit.

Heisigs Gestaltungs-Impuls leitete sich unmittelbar aus dem Chaos dieser Geschichte her. Jedenfalls kommt man an dem Eindruck nicht vorbei, dass die konvulsivischen Bewegungen in seinen Bildern über alle künstlerischen Einflüsse hinaus doch zuletzt angestoßen worden sind von Heisigs Ur-Erfahrung: der Endphase des Krieges, erlebt als blutjunger SS-Panzerfahrer, in der Normandie, der Ardennenschlacht, als letztes Aufgebot beim Untergang seiner Heimatstadt Breslau. Unübersehbar sind in seinem Werk auch die Spuren der weltanschaulichen Kriege der Nachkriegszeit. Heisig, SED-Mitglied seit 1947, stand durchaus im Banne des Gedankens, dass die Welt von einem geschichtsphilosophischen Räderwerk bewegt werde. Allerdings war er nie in der Gefahr, die Geschichte als Heilsweg zu sehen und fortschrittlich-programmatisch zu illustrieren. In seinen Bildern hatte sie immer zu viel von der Schädelstätte und dem Schindanger, von Pandämonium und Apokalypse.

Die Querlage dieses Mannes, in und trotz der repräsentativen Rolle, die er in der DDR spielte, bildet sich ab in seiner Laufbahn: Mit nur 36 Jahren Rektor der Leipziger Hochschule, nach drei Jahren abgelöst, knapp ein Jahrzehnt später abermals im Aufstieg, Akademiemitglied, wieder Rektor, Nationalpreisträger. Das Unterfutter dieses Auf und Ab sind die DDR-Debatten über die Kunst, sind Kritik und Selbstkritik, zurückgezogene Bilder, gewünschte Bilder, Krach mit der Partei, aber, vor allem, sein Beitrag zur Entstehung der „Leipziger Schule“ der Malerei, zusammen mit Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, Heisig der „Übervater“. Es ist DDR-Kulturgeschichte, Geschichte über Kunst in der DDR, verdichtet in einem Lebensweg, kristallisiert in einem bedeutenden künstlerischen Produktivitätsschub. Im Dezember des Wendejahres 1989 der definitive Schlussstrich: Austritt aus der SED, Rückgabe der Nationalpreise.

Seit 1992 im Havelland zu Hause, malt Heisig weiter, natürlich. Seine großen Welttheater-Stücke und die anderen Sujets und Formate. Denn dieser gewaltige Ringer mit Themen und Stoffen ist – das muss zu seinem 80. Geburtstag, den er heute begeht, zumindest angemerkt werden – auch ein großer Porträtist und hoch empfindsamer Zeichner. Nirgendwo zeigt sich, wie stark dieser Neutöner im vertrauten Umgang mit den Alten wurzelt.

Aber deutsch sind sie schon.

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