Kultur : Zum Reinschlagen schön Groteske Visionen des menschlichen Körpers:

Die Galerie Volker Diehl zeigt Skulpturen von Birgit Dieker

Nicola Kuhn

Wie Mehlsäcke hängen sie da, die „Drei Grazien“. Sie heißen wirklich so, trotz all ihrer Plumpheit – eine heitere und zugleich bitterböse Anspielung auf unsere Erwartungen, unsere gesellschaftlich geprägten Vorstellungen weiblicher Schönheit und ihre gleichzeitige Brechung. Birgit Dieker (Jahrgang 1969) ist eine Meisterin auf diesem Gebiet. Die Berliner Bildhauerin hat sich spezialisiert auf das Spiel mit den Ambivalenzen. Ihre drei Grazien bestehen aus altmodischen Miederwaren, die passgenau über drei Punching-Bälle gezogen wurde, zum Reinschlagen schön (7000 Euro).

Angezogen durch die besondere Materialität, die Finessen der eingearbeiteten Haken und Ösen, die delikaten Fenster aus gebrochener Spitze nähert man sich neugierig diesen baumelnden Objekten und wird zugleich abgestoßen von ihrer hautfarbenen Stofflichkeit, den Spuren offensichtlicher Benutzung. Birgit Dieker spielt gekonnt auf der Klaviatur des Voyeurismus. Doch der Betrachter tappt gerne in ihre Falle, sieht er doch sogleich, wohin der Weg der Erkenntnis führt: Nicht der Hülle sollst du huldigen, sondern den wahren Kern suchen.

Und das ist auch schon der einzige Vorwurf, den man den originellen Skulpturen Birgit Diekers machen kann: dass sie wie ihre drei Grazien ein wenig dick und deftig daherkommen und ihre Oberflächenreize gleich auf den ersten Blick verraten. Doch dafür machen sie Spaß, was ja in der Kunst auch mal erlaubt sein soll. Die Ausstellung in der Galerie Volker Diehl wird dadurch zu einem Parcour wechselnder Sensationen. Der Galerist entdeckte das Werk der UdK-Absolventin und Schoenholtz-Meisterschülerin als Gast in der Berliner Paris-Bar, wo die Kunst wie Tisch und Stühle zur Ausstattung gehört. Zufällig baumelte Diekers „Weiberspeck“ über seinem Platz: Das aus Kalbsleder gefertigte Werk besteht aus diversen Polsterungen, wie sie in Mittelalter und Barockzeit eingesetzt wurden, um der weiblichen Figur mehr Üppigkeit zu verleihen. Na, dazu guten Appetit! Die Künstlerin kann also richtig gemein sein. Und doch gefallen wir uns auch darin noch, wenn unser krankhafter Körperkult gegeißelt wird. Zumal wenn geschmunzelt werden darf wie bei der „Kleinen Fontäne“ (3500 Euro). Kokett stoßen die Zehenspitzen der halben Schaufensterpuppe in die Höhe, ganz so wie man es aus den Auslagen von Strumpfgeschäften kennt. Doch die hier ausgestellte Strumpfhose zeigt ein besonders apartes Muster: Die applizierten blauen Kordeln folgen nämlich dem Venenverlauf, die schlanken Damenbeine sind mit Krampfadern nur so übersät.

Gerade darin besteht eine häufig wiederkehrende Dramaturgie von Birgit Diekers Werken: dass sie das Innerste nach außen kehrt, die Verhältnisse kippt. Verblüffung weicht Staunen angesichts der perfekten Verarbeitung von Leder, Spitze, Seidenkordel, gefolgt von angenehmem Schauder. Haptische Qualität und ein gewisser Grusel halten sich die Waage. Kein Wunder, dass sich immer wieder Mediziner für Birgit Diekers Werke interessieren. Ihr „Organsack“ (8000 Euro) ging allerdings an einen Steuerberater. Besser so, denn das aus feinstem Autositz-Leder genähte Objekt zeigt überdimensional vergrößert die menschlichen Organe, lose miteinander verbunden durch modische Klett-Verschlüsse – Austausch also jederzeit möglich. Der Künstlerin ist hier eine gallige Metapher auf das Warenlager menschlicher Körper gelungen.

Und doch bleibt das größte Rätsel seine Hülle, seine Erscheinung. Wie sehr gerade diese Frage für Birgit Dieker Triebfeder ist, mag im „Beasty Girl“ (12 500 Euro) sichtbar werden, für das sie selber Modell stand: eine lebensgroße Wilde, deren Blöße ein undefinierbares bräunliches Fell verhüllt und die den Betrachter unverwandt aus strahlend blauen Augen anschaut. Hinter ihr erhebt sich bis unter die Decke reichend die Skulptur „Twister“ (16 500 Euro), mit der die Künstlerin bereits bei der „Fraktale III“ im U-Bahnhof Reichstag für Furore sorgte. Zahllose Kleidungsstücke schrauben sich in einem gigantischen Wirbel in die Höhe. Im Zentrum, wo sonst der zu bekleidende Homo sapiens stehen würde, ist das Nichts, die Leere. Man könnte das als zynischen Kommentar verstehen, würden sich nicht rundum die grotesken Examinationen des menschlichen Körpers befinden.

Galerie Volker Diehl, Zimmerstraße 88, bis 1. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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