Kultur : Zum Schloß ein Kolosseum

FALK JAEGER

"Langweilige Gebäude gibt es genug", sprach der Bundespräsident, "im neuen Berlin", ergänzte er im Geiste und gab sein Plazet zum Entwurf der jungen Frankfurter Architekten Martin Gruber und Helmut Kleine-Kraneburg, die seinem klassizistischen Schloß Bellevue ein eiförmiges Gebilde zur Seite stellen wollten.Was wie ein reibungsloses Wettbewerbsverfahren zum Bau der neuen Präsidialverwaltung erscheint, denn die Preisträger wurden mit dem Bau beauftragt, war dennoch ein unerfreuliches Gewürge.Man wollte einfach dem jungen und völlig unerfahrenen Tandem, das sich im europaweiten Wettbewerb gegen 240 Konkurrenten durchgesetzt hatte, das 90-Millionen-Ding nicht zutrauen, ließ ändern und überarbeiten, ein zweites Mal jurieren.Der Zufall wollte es, daß auch die anderen preisgekrönten Arbeiten von jungen Anfängerbüros eingereicht worden waren.Der Mut, den Roman Herzog mit seinem Entschluß im Dezember 1994 aufbrachte, indem er sich gegen all die beamteten Bedenkenträger durchsetzte, wurde belohnt.So schimmert es nun auf einer Lichtung zwischen den Bäumen im Tiergarten, ungewohnt schwarz, etwas unheimlich, oder soll man sagen geheimnisvoll? Ein großes Oval steht da unvermittelt südlich des Schlosses, 80 Meter lang, 40 Meter breit, vier Geschosse hoch.Ein stereometrischer Baukörper, von dem man ob seiner Rundung immer nur ein paar Fensterachsen sieht, der den Blick abgleiten läßt, seine wahren Dimensionen verhehlt.Polierter Naturstein, in der Friedrichstraße bei den Fassaden der ärgerlichsten Neubauten als Mißgriff empfunden, wird hier zur Offenbarung.

Die Fassade aus dunkel-anthrazit schimmerndem "Nero Impala" und flachbündigen Fenstern mit dunklen Scheiben umhüllt den makellosen Körper wie eine gespannte Haut und entmaterialisiert ihn bis zu einem gewissen, vor allem von Licht und Himmelsbild abhängigen Grade.Eine zyklopische, dennoch feinnervige Skulptur, ein Artefakt inmitten grüner Natur, ein monumentales folly im Landschaftsgarten englischen Stils.

Man sieht sich natürlich an das Kolosseum erinnert, jedoch nur durch die Grundrißform.Das Vorgehen der Architekten ist mit der Methode James Stirlings beim Wissenschaftszentrum vergleichbar, der ebenfalls auf antiken Grundrißfiguren mit gleichförmig befensterten Wänden stereometrische Körper aufführte.Architekt Helmut Kleine-Kraneburg spricht noch von einer anderen Metapher: die Muschel, außen schwarz, innen weiß, eine blaßbeige schimmernde Perle bergend.Das Innere des Gebäudes, der Lichthof, erstrahlt in der Tat in makellosem Weiß.

Die "Perle", das ist nun doch kein rundes Element, sondern ein langer Riegel, der den Lichthof weitgehend ausfüllt.So weitgehend, daß man beim Studium von Modell und Plänen enge, schluchtartige Verhältnisse befürchtete.Nichts dergleichen, die Halle - man betritt sie diagonal, erfaßt den Raum und orientiert sich mühelos - gehört zu den schönsten Raumerfindungen, die in den vergangenen Jahren in Berlin realisiert wurden.Rings um dieses lichtdurchflutete Atrium laufen die Erschließungsgalerien der vier Geschosse, unzweifelhaft der rationalistischen Architektur verpflichtet.Wäre der Raum nicht elliptisch, könnte er von Ungers sein.Die offenen Flure erschließen die an der Außenwand aufgereihten 120 Büros.

Alle dienenden Nebenräume, Lifts und Treppen sind im zentralen Riegel untergebracht, der über vier Brücken je Geschoß mit dem umlaufenden Gang verbunden ist und mit seiner hellbeigen Stucco lustro-Wand eine heitere Lichtstimmung zaubert.Über allem liegt ein den Raum angenehm verbindlich begrenzendes Glasdach mit kräftigen Rippen.Das einzige, was diesem Atrium fehlt, ist eine Freitreppe, die das Raumerlebnis beim täglichen Gang zur Cafeteria oder zum Kollegen im anderen Stockwerk erlauben würde.Schade auch, daß das Publikum hier keinen Zutritt hat.Nadelfilz als Bodenbelag hätte man in diesem Haus wohl nicht erwartet, doch vornehmes Parkett gab es nur für den Staatssekretär.Dennoch bieten die Räume mit ihren Eichentüren und soliden Regal- und Schrankwänden auf Grund der sorgfältigen Detailarbeit der Architekten ein angenehmes Arbeitsumfeld (das ohnehin von jedem Zimmer aus mit der wunderbaren Sicht in die grüne Umgebung aufwarten kann).Daß den Architekten sogar die Auswahl des Möbelprogramms zugestanden wurde, grenzt an ein Wunder.Für Kunst am Bau, für "magische Zahlenquadrate" auf dem Hallenboden und farbige Majolikatafeln an den Flurwänden, die gleichzeitig der Orientierung dienen, hat Lothar Baumgarten gesorgt, ein Glücksgriff, der das Gebäude zusätzlich aufwertet.Auch in ökologischer Hinsicht wurde vorbildlich geplant, mit großzügigen Kastenfenstern, einem raffinierten, aber natürlichen Lüftungssystem und unter Verzicht auf Klimatisierung.Ein Verbindungstunnel zum Schloß wurde nicht als notwendig erachtet.Lediglich durch die Freiflächenplanung wird der funktionale Zusammenhang hergestellt.Und durch das Wachgebäude, das an den Schloßnebenflügel anschließt, sich aber durch seine polierte Steinfassade dem Neubau zugehörig zu erkennen gibt.Leider ist es unglücklich proportioniert und wirkt unnötig bedrohlich.Hin und wieder gelingt jungen Architekten mit ihrem Erstlingswerk ein großer Wurf.Das Bundespräsidialamt ist ein solcher, was heutzutage umso erstaunlicher erscheint, wenn man die Verhältnisse kennt, unter denen sich Architekten allein gegen Dutzende von Behördenvertretern aus dem Ministerium, dem Bundesamt, den Genehmigungsbehörden und die Nutzer durchsetzen müssen, von denen jeder einzelne seine Existenzberechtigung (zumeist durch Einwände) nachweisen will.Diese Leistung der Architekten verdient kaum geringere Beachtung als die baukünstlerische selbst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben