Zum Split von Sonic Youth : 1000 Blätter, eine Auflösung

Als Ende September die Flauschrockband R.E.M ihre Auflösung bekanntgab, war die Trauer in der Pop- und Feuilletonwelt groß. Es hagelte geradezu Nachrufe – so als hätte es die letzten zwanzig Jahre im Pop nicht gegeben, als hätten sich nicht Legionen von Bands aus den achtziger und neunziger Jahren wieder zusammengetan, als wäre nicht jeder Bandauflösung das baldige Comeback schon eingeschrieben. Insofern war es erstaunlich, dass es relativ still blieb, als vergangene Woche die Sonic-Youth-Masterminds Thurston Moore und Kim Gordon das Ende ihrer 27-jährigen privaten Beziehung bekanntgaben. Sonic Youth sind nicht R.E.M., klar, sie waren nie eine Hitmaschine, sondern galten noch als Underground-Band, als sie schon Klassikerstatus besaßen. Ja, und das Ende einer Liebesbeziehung muss nicht das Ende einer Band bedeuten.

Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass Moore und Gordon ab sofort Privates und Berufliches säuberlich voneinander trennen – und sich, wie das R.E.M viele Jahre durchexerzierten, zu gelegentlichen Plattenaufnahmen und Tourneen treffen. Und Sonic Youth ohne Kim Gordon? Oder ohne Thurston Moore? Das geht auch nicht. Weshalb sie vielleicht wirklich die Band parallel zum Ende ihrer Partnerschaft auflösen. Denn Sonic Youth waren zwar nie bewusst das Gegenmodell zu den Rolling Stones, eher zum fiesen Bombastrock der siebziger Jahre und später zum fiesen Discount-Grunge der späten neunziger Jahre (Alice in Chains, Stone Temple Pilots, Candlebox). Aber mit Ende sechzig, Anfang siebzig noch auf der Bühne zu stehen? Das dürfte für sie nie eine Option, geschweige denn eine Verheißung gewesen sein. Groß, reif und zum Klassiker geworden (spätestens mit den Live-Aufführungen ihres 88er-Albums „Daydream Nation“), ein ansprechendes Alterswerk vorgelegt– was will man mehr?

Zumal Moore und Gordon (genau wie die beiden anderen festen SY-Bandmitglieder Steve Shelley und Lee Ranaldo) anderweitig gut zu tun haben. Eigentlich kann Sonic Youth nichts besseres passieren als jetzt abzutreten. Der Eintrag in die Popgeschichtsbücher ist ihnen gewiss – und in die Rock’n’Roll-Hall-Of-Fame wollten sie nie. Die ist ja mehr was für die David Crosbys und Graham Nashs dieser Welt, auf dass man niemals wieder Gitarrenrock hören möge!

Vielleicht aber halten Sonic Youth sich ein Hintertürchen auf – und Kim Gordon macht es wie einst Gwen Stefani und komponiert ihr höchst eigenes „Don´t speak“, das sie dann wie einst Stefani mit No Doubt mit ihrer angestammten Band (und also ihrem Ex-Mann) einspielt. Spätestens mit so einem Hit wären Sonic Youth mindestens so groß wie R.E.M.

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