Kultur : Zum Sprung bereit

Teppiche mit Kuschelappeal: Nevin Aladag zeigt neue Arbeiten in der Galerie Wentrup

Claudia Wahjudi

Groß ist die Versuchung, mit dem Finger gegen eine der blauen Fransen zu tippen. Oder an den Fasern zu kratzen, um auszuprobieren, ob sie wirklich so fest geknotet sind, wie es aussieht. Nevin Aladags neue Arbeiten verlocken zum Anfassen.

Die Berliner Künstlerin hat Teppiche, Läufer, Brücken, Meterware verschiedenster Farben, Muster und Herkunft zerschnitten und neu verkleben lassen, auf vereinfachten kleinen Grundrissen des Basketballfelds. Da bilden nun Streifen gelber Auslegware die Linien, das Feld erstreckt sich in blauem Sisal und im Korbraum liegt grüner Velours. Drei kleine und zwei große solcher Teppichtafelbilder zeigt die Galerie in ihrem Kabinett (je 6500 bzw. 9500 Euro), zwei passende Bälle liegen im Büro (je 3000 Euro). Aladag macht ein Thema, zu dem schon viel Theorie erschienen ist, höchst sinnlich erfahrbar: die Hybridität heutiger Kultur. Das Sujet ist typisch für die Künstlerin, das Format nicht. Aladag hat schon viele Videos gezeigt, die Breakdance und Körpersprache thematisieren, im Bezirk Mitte plakatierte sie den Abdruck eines Basketballs auf Papier. Mit Textilien hat die Künstlerin, die bei Olaf Metzel in München studierte, oft skulptural gearbeitet: Säulen wurden mit orientalischen Läufern umwickelt und Designerlampen mit bunten Nylonstrümpfen überzogen. Poetisch sinnlich sind Aladags Arbeiten immer, doch noch nie hatten sie so viel Kuschelappeal. Und noch nie symbolisierten sie so viele Konflikte auf einmal.

„Pattern Matching“, „Musterabgleich“, so der Titel der kleinen Ausstellung, bringt nicht nur Handwerkskunst, Industriedesign und Sportkultur zusammen, der Betrachter assoziiert mit Basketball und Teppichen auch unweigerlich die USA und den Mittleren Osten und somit die Kriege und den Terror der vergangenen 20 Jahre. Vielleicht denkt er bei Teppichen auch an betende Muslime, Aladin mit der Wunderlampe, an Frauen, die daheim die Ware knüpfen, und Kinderarbeit. Die 1972 in der Türkei geborene Künstlerin scheint es darauf anzulegen, mit dem Kontrast zwischen amerikanischer und orientalischer Exportkultur möglichst viele Klischees zu aktivieren, deren Konfliktpotenzial die Harmonie von Formen und Materialien umso deutlicher hervortreten lässt. So haben Aladags Teppichbilder zwar das richtige Format fürs Wohnzimmer, aber die in ihnen verknüpften Gedanken werden garantiert auf jeden dort ausliegenden Teppich überspringen. Claudia Wahjudi

Galerie Wentrup, Tempelhofer Ufer 22; bis 22. 12., Di - Sa 11 - 18 Uhr.

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