Kultur : Zum Steinerweichen

Mit den Brandenburgischen Sommerkonzerten in Altfriedland

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Irgendjemand hätte sie warnen müssen, die 200 Seelen des Dorfes Altfriedland. Mit Hauptstädtern auf Landpartie ist nicht zu spaßen, bis sie nicht mindestens ein Stück Kuchen mit kräftigen Schlucken Kaffee hinunter gespült haben. Kaum hat der Bus der Brandenburgischen Sommerkonzerte die idyllische Landzunge erreicht, schiebt man sich auf die Pfarrwiese, konkurriert hart um die besten Backwerke und dreht, geblendet von der Sonne, einen Salto mit wackeligen Bänken. Danach legte sich der Puls, und die Welt sieht plötzlich ganz anders. Nicht dass Altfriedland, gelegen im mit fischreichen Seen gespickten Nordosten der Märkischen Schweiz, einen aus dem Schatten alter Bäume mit der Pracht eines geschlossenen historischen Ensembles anspringt. Es sind die Brüche und Versehrungen, die hier etwas erzählen von einem kargen Land und seinen zähen Bewohnern. Die haben noch heute ihren eigenen Kopf, wie Heinrich von Oppen, Nachfahre der einstigen Gutsherren, erfahren konnte. Sein Plan, das Anwesen in der ursprünglichen Form wieder aufzubauen, scheiterte, weil die Gemeinde die alte Badestelle nicht aufgeben wollte – und von Oppen keine Badehosenträger in seinem Garten sehen mochte. Und so stapfen sie weiter zum Klostersee, vorbei an der Ruine des Zisterzienser-Nonnenklosters, in dessen löchrigen Mauern man lange Zeit Bier gebraut hat.

In der Klosterkirche setzt sich ein feuchter Lehmgeruch in der Nase fest, der dem Heine-Recital von Dietrich Henschel zur rauen Grundierung wird. Die rheinische Romantik Robert Schumanns samt Überschwang und Todesahnung – in der herben Mark erscheint sie exaltiert. Besonders, wenn es dem Sänger nicht gelingt, einen frei fließenden poetischen Strom zu formen. Henschel verlegt sich allzu sehr auf demonstratives Leiden und ergänzt die fehlende Höhensicherheit seines Baritons durch hypnotische Oberammergau-Mimik.

Die Feldsteine lassen sich davon nicht erweichen. Versöhnlich verschmilzt das Flirren des Zimbelsterns von der Orgelempore mit dem sanften Licht der Abendsonne über dem See. Heine hätte sich jetzt ein Gläschen Wein eingeschenkt. Ulrich Amling

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