Zum Tod der Choreografin Trisha Brown : Go with the flow

Sie war eine Pionierin der amerikanischen Tanzszene, experimentierte zeitlebens mit der Schwerkraft: Nun ist Trisha Brown im Alter von 80 Jahren in Texas gestorben.

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Minimal Art. Die amerikanische Choreografin Trisha Brown auf einem undatierten Foto.
Minimal Art. Die amerikanische Choreografin Trisha Brown auf einem undatierten Foto.Foto: Imago


Sie war eine der wichtigsten Persönlichkeiten des postmodernen Tanzes, 40 Jahre lang hat sie ihn geprägt. Und sie zählte zu den innovativsten, experimentierfreudigsten und einflussreichsten Choreografinnen der USA.: Am Samstag ist die Trisha Brown in San Antonio, Texas, gestorben, im Alter von 80 Jahren. Die in New York ansässige Compagnie der amerikanischen Choreografin hat es so auf ihrer Website mitgeteilt.

1936 in Aberdeen, Washington geboren, war Trisha Brown 1962 Mitglied des legendären Judson Dance Theater geworden. 1970 gründete sie ihre eigene Tanzcompagnie, der anfangs nur Frauen angehörten. Ihre frühen Arbeiten sind abstrakt, gleichwohl basieren sie auf konkreten, alltäglichen Bewegungen: eine getanzte Version der Minimal Art, die aber auch ihren ganz eigenen Humor entwickelt. Geschaffen wurden ihre Choreografien ursprünglich für ungewöhnliche Orte wie Lofts oder Kunstgalerien, die Tänzer von Trisha Brown traten aber auch auf Dächern auf oder hangelten sich an Hausfassaden herunter. Das Experimentieren mit der Schwerkraft prägte viele ihrer Arbeiten.
Der Durchbruch in Europa gelang ihr in den Achtzigern mit "Set and Reset" zu Musik von Laurie Anderson und einem Bühnenbild von Robert Rauschenberg. Ihr unverwechselbarer Stil konnte und kann hier bewundert werden: Die klaren geometrischen Raumstrukturen verbindet sie mit einer wunderbar fließenden Bewegungsqualität. Das unablässige Strömen der Energie erinnert an Wellen oder an ein Perpetuum mobile. Go with the flow - auf diese Formel kann man ihre Tanzphilosophie bringen.

Berlin war Trisha Brown besonders verbunden, sie trat hier oft auf

Brown ist immer wieder neue Kollaborationen eingegangen, mit Künstlern wie Donald Judd und Elizabeth Murray und Komponisten wie Robert Ashley, Alvin Curran und Salvatore Sciarrino. Überhaupt genoss sie eine hohe Reputation in der Kunstszene. 2007 wurde sie zur Documenta 12 eingeladen, wo die Besucher gleich im Eingangsraum in der Kasseler Fridericianum von ihren in Netzen hängenden und hangelnden Tänzern begrüßt wurden. Sie stellte hier auch einige ihrer Zeichnungen aus.
Berlin war sie besonders verbunden, auch wegen der langjährigen Hebbel-am-Ufer-Theaterleiterin Nele Hertling, die sie immer wieder eingeladen hatte. Seit 1976, als Trisha Brown zum ersten Mal in der Berliner Akademie der Künste auftrat, waren ihre Arbeiten regelmäßig in Berlin zu sehen. Waren die Zuschauer anfangs noch irritiert, lagen sie ihr später zu Füßen. Ihre kreative Neugier, ihren Forschergeist hat Trisha Brown sich über Jahrzehnte bewahrt - bis sie sich 2012 wegen ihrer Demenz-Erkrankung als aktive Künstlerin zurückzog.
Trisha Brown schuf ein vielfältiges Oeuvre, das mehr als 100 Tanzstücke umfasst. Sie hat den Tanz mit ihrem radikalen Denken für immer verändert. Ihr Tod bedeutet einen großen Verlust für die zeitgenössische Tanzszene. Und wirft zudem mit aller Dringlichkeit die Frage auf, wie Avantgarde-Tanzstücke aus den Siebzigern und Achtzigern vor dem Vergessen bewahrt werden können.

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