Kultur : Zum Tod der Galeristin Annely Juda

Katrin Wittneven

Gäbe es die Bezeichnung „Grand Dame“ nicht bereits, dann hätte sie für sie erfunden werden müssen: Annely Juda, die am vergangenen Sonntag kurz vor ihrem 92. Geburtstag in London gestorben ist. Hocherhobenen Hauptes stand die zierliche Person mit blitzwachen Augen noch mit 90 Jahren auf den Kunstmessen in Basel, Paris, Köln und Madrid zwischen den von ihr so geliebten Werken der russischen Avantgarde von Malewitsch, Kandinsky, Rodtschenko, El Lissitzky, Tatlin und Zeitgenossen wie Anthony Caro, Christo und Jeanne-Claude, David Hockney und Tadashi Kawamata.

Ihre Lebensgeschichte spiegelt ein bewegtes Jahrhundert wider: 1914 wurde Anneliese Brauer, so ihr Mädchenname, als Tochter einer großbürgerlichen, jüdischen Familie in Kassel geboren. Ihre Großmutter war eine angesehene Berliner Antiquitätenhändlerin, die Mutter Malerin, der Vater Chemiker. 1934 muss die Familie nach Palästina emigrieren und gründet eine Puddingfabrik. Doch die Liebe zur Kunst lässt die ältere Tochter nach London aufbrechen, wo sie 1937 mit kaum mehr als einem englischen Pfund ankommt und ihren späteren Mann kennenlernt.

Nach dem Krieg gehen sie zunächst nach Deutschland zurück, doch 1955 beschließt sie, allein mit den drei Kindern endgültig nach London umzusiedeln, wo ihr die Katalogisierung der bedeutenden Estorick-Sammlung Klassischer Moderne anvertraut wird. In der Molton Gallery und den Hamilton Galleries sammelt sie erste Erfahrungen im Kunsthandel und gründet schließlich 1968, zusammen mit ihrem Sohn David, die Galerie „Annely Juda Fine Art“ in einem viktorianischen Lagerhaus in den Tottenham Mews. Hier finden viel beachtete Ausstellungen statt, in denen sie Kunst aus unterschiedlichsten Generationen vereint. Sie werden, wie die Galeristin selbst, unvergessen bleiben.

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