Kultur : Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers

Mark Terkessidis

Das Erstaunliche an Paul Bowles ist, daß er in Tanger geblieben ist. Als er im Mai des Jahres 1947 von der "magischen Stadt" geträumt hatte, entschloss er sich zur endgültigen Umsiedlung. Seitdem sah er die nordamerikanischen Literaturgrößen auf der Flucht vor der Zivilisation an sich vorbeiziehen: Die "Beat-Schriftsteller" wie Brion Gysin, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, denen er zu Unrecht manchmal zugerechnet wurde, aber auch solche wie Truman Capote oder Tennesse Williams. Nur Bowles ist niemals zurückgekehrt. Als er 1994 zu einer Krebsoperation in die Vereinigten Staaten flog, war es das erste Mal seit 26 Jahren. Ein Jahr später besuchte er anlässlich der Wiederaufführung seiner Musik erstmals wieder seine Heimatstadt New York.

Bowles blieb bis zu seinem Tod am gestrigen Donnerstag in Tanger, wo man ihn schon am Dienstag ins italienische Krankenhaus der Stadt eingeliefert hatte. In den letzten Jahren jedoch gewann man den Eindruck, er habe auf seine Weise mit dem kreativen Teil seines Lebens abgeschlossen. Seit Bernardo Bertolucci 1989 seinen ersten Roman "Der Himmel über der Wüste" verfilmte, ließ Bowles sich einfach stoisch wiederentdecken. Junge Leute begannen auch, sich für seine Musik zu interessieren. Es gab Konzerte und Neueinspielungen. Anfang der neunziger Jahre fand dann der Schweizer Simon Bischoff alte Fotos - so wurde Bowles auch noch als Fotograf bekannt. Wenig später gingen die New Yorker Musiker Bill Laswell und Nicky Skopelitis mit dem Schriftsteller ins Studio, um von ihm gelesene Geschichten mit Musik zu untermalen ("Baptism of Solitude"). Ihm selbst schien das alles ziemlich gleichgültig zu sein.

Der Legende nach lernte er 1931 in Paris Gertrude Stein kennen, die den damals 21-jährigen für untalentiert hielt und ihm nahe legte, das Schreiben aufzugeben. Obwohl Bowles, am 30. Dezember 1919 in New York geboren, angeblich schon mit fünf seine erste Geschichte schrieb und seit seinem sechzehnten Lebensjahr immer wieder Lyrik und Erzählungen veröffentlicht hatte, hielt er sich damals tatsächlich an Steins Rat. Zu dieser Zeit nahm er bereits Kompositionsunterricht bei Aaron Copland. Schließlich begann er, sein Geld mit "Gebrauchsmusik" zu verdienen. Er wurde eine zentrale Figur der New Yorker Theaterszene und schrieb Musik etwa für die Inszenierung des "Doctor Faustus" von Orson Welles oder Elia Kazans Interpretation von "Jacobowsky und der Oberst". Nebenbei arbeitete Bowles an Sonaten und sogar Opern in eigenem Auftrag. Erst in letzter Zeit wurde seine Musik vom Verdikt der "Broadwaymusik" befreit. Seine Kompositionen sind auf spezifische Weise eklektisch und einfallsreich. Sie sollten, wie er betonte, vor allem "charmant" sein.

Im Grunde ist auch Bowles erzählerisches Werk "charmant" - zumindest in stilistischer Hinsicht. Stets blieb er ein klassischer Erzähler. Im Gegensatz zu Jane Auer, die er 1938 heiratete, machte ihm das Schreiben wenig Mühe: Während für Jane Bowles Schreiben und Leben absolut verbunden waren, trennte Paul seine Arbeit einfach vom Leben ab. Doch zugleich war er fasziniert von Janes "Andersheit" - er vermutete bei ihr eine Unmittelbarkeit und Intensität, die ihm abging. Leben, das hieß für ihn vor allem "Without Stopping" (auch der Titel seiner Autobiografie), auf Reisen gehen, dem "Gefängnis" USA ebenso entfliehen wie dem Gefängnis des Ich. Um das Thema Flucht kreist denn auch sein Werk. 1931 hatten Gertrude Stein und Alice B. Toklas Bowles als einen "handgearbeiteten Wilden" bezeichnet. Tatsächlich geht es in seinen Roman immer wieder um die "Verwilderung" des westlichen Subjekts. Viele der Hauptfiguren streben förmlich danach, von den Primitiven vergewaltigt zu werden, in ihnen aufzugehen. Bowles selbst machte sich in Tanger auf die Suche nach jener mit sich selbst identischen Natürlichkeit. Doch während er nach dem Primitiven suchte, veränderte sich die Stadt bereits.

In der Person des Schriftstellers Stenham aus seinem 1955 erschienenen Roman "Das Haus der Spinne" hat Bowles dieses Drama geschildert. Trotzdem zeichnete er starrsinnig traditionelle marokkanische Musik auf. Zudem glaubte er jene Natürlichkeit bei jungen arabischen Männern zu finden. Er förderte den Künstler Ahmed Jacoubi, den er jedoch immer wieder auffordern mußte, möglichst primitiv zu bleiben. Später zeichnete er im Sinne von Volkskultur allerlei Geschichten auf, die ihm erzählt wurden - vor allem die seines Liebhabers Mohammed Mrabet. Allerdings blieb Bowles immer auf Distanz; er selbst ließ sich letztlich nie besitzen. Er war überzeugt, seine Frau und der Dichter Alfred Chester seien verrückt geworden, weil sie besessen gewesen seien von ihren marokkanischen Partnern.

Paul Bowles jagte seiner eigenen Projektion von der anderen Seite der Zivilisation nach. Dabei hat er nie bekommen, was er wollte. Aber er ist geblieben. Vielleicht müsste man ihn mit V. S. Naipaul als "imperialistischen Schriftsteller" bezeichnen, doch hat er sich bis zuletzt der Realität seiner Fiktion nie enttäuscht entzogen. Das verleiht ihm und seinem Werk eine große Würde.

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