Zum Tod des Dirigenten Horst Stein : Der Tüchtige

138 Mal dirigierte er bei den Bayreuther Festspielen, über 500 Konzerte leitete er bei den Bamberger Symphonikern. Zum Tod des deutschen Dirigenten Horst Stein.

Christine Lemke-Matwey
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Horst Stein. -Foto: AFP

Seinen Namen in einem Atemzug mit den Bayreuther Festspielen zu nennen oder den Bamberger Symphonikern, glich in den Siebziger- und Achtzigerjahren einem Pawlowschen Reflex: 138 Mal stand Horst Stein im mystischen Abgrund des Bayreuther Festspielhauses, dirigierte „Parsifal“, den „Ring“, „Tristan“, „Tannhäuser“ und die „Meistersinger“ – und leitete seit 1985 über 500 Konzerte „seiner“ Bamberger, spielte zahlreiche Schallplatten mit ihnen ein, bis hin zum orchestralen Gesamtwerk von Max Reger. Der Mann mit der Denkerstirn galt als schwierig, unbestechlich und oftmals undiplomatisch – und war gleichwohl stets zu Diensten. Eher akribischer Kapellmeister als exzentrischer Maestro, mehr gestandener Handwerker und Augenblicksmusiker als Blitze schleudernder Genius – was den Geiger Nathan Milstein einst bemerken ließ, es habe im 20. Jahrhundert nur zwei große Dirigenten gegeben, Furtwängler und Toscanini, „die anderen seien alle wie Horst Stein“.

Stein wird 1928 im rheinischen Elberfeld geboren, studiert an der Kölner Musikhochschule und bekleidet erste Positionen in Wuppertal und Hamburg. Dort lernt er 1951 Joseph Keilberth kennen, den Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und ersten Chef der Bamberger Symphoniker. „Ich habe jede Gelegenheit genutzt, Keilberth zu beobachten“, bekennt Stein später, „nicht um ihn zu kopieren, sondern um mir anzueignen, wovon ich glaubte, dass es eine größere Rolle für mich spielen würde.“ Stein erarbeitet sich Tugenden wie Werktreue, Intensität des Ausdrucks und eine rückhaltlose Identifikation mit der Musik. Wie spontan, ja musikantisch er dabei sein konnte, zeigen Livemitschnitte vom Belcanto-Repertoire bis Richard Strauss.

1955 wechselt Stein als Kapellmeister an die neu eröffnete Berliner Lindenoper, nach dem Mauerbau verlässt er die DDR, geht nach Hamburg, Mannheim und Wien. 1972 wieder Hamburg, diesmal als Generalmusikdirektor an der Seite August Everdings. Stein gastiert, wird Ehrendirigent beim NHK Symphony Orchestra in Tokio, 1980 tritt er an die Spitze des Orchèstre de la Suisse Romande, 1987 übernimmt er das Basler Sinfonieorchester. Eine Weltkarriere hat Stein nie gemacht. Seine Orchestermusiker aber haben ihn geliebt und gefürchtet, und Nachfahren wie Christian Thielemann stellen ihn kühn in eine Reihe mit Herbert von Karajan. Am Sonntag ist Horst Stein 80-jährig in der Schweiz gestorben. Christine Lemke-Matwey

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