Zum Tod des Fluxus-Pioniers Emmett Williams : Wer A sagt, muss auch Blub sagen

Zum Tod des Fluxus-Pioniers, Performance-Künstlers und experimentellen Dichters Emmett Williams

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Diese Performance war eines echten Fluxus-Künstlers würdig. Emmett Williams bestieg die Bühne und riss sich mit großer Geste die Hemdbrust auf – darunter wurde ein T-Shirt sichtbar mit dem Aufdruck eines aus TV-Bildschirmen gebauten Roboters, wie sie Nam June Paik geschaffen hat, jener Mann, dem diese Gedenkveranstaltung galt. So kam denn in die bis dahin allzu ruhig, allzu gesetzt verlaufene „Paik-Nacht“ der Berliner Akademie der Künste endlich der anarchische Schwung früher Fluxus-Tage. Die Lacher hatte der 81-jährige Williams schon vorher auf seiner Seite, als er Anekdoten aus seiner gemeinsamen New Yorker Zeit mit dem Video-Pionier zum Besten gab.

So wird man Emmett Williams in Erinnerung behalten, quirlig, witzig, schlagfertig, liebenswürdig. Knapp zwei Wochen liegt der Auftritt des seit 1980 in Berlin lebenden Fluxus-Künstlers und Dichters zurück, der aus Greenville in South Carolina stammt. In der Nacht zum Mittwoch ist er in seiner Berliner Wohnung gestorben.

Die Fluxus-Bewegung verliert damit einen ihrer letzten Vertreter, der bis ins hohe Alter auch einer ihrer aktivsten war. Erst die letzte Berlin-Biennale würdigte ihn gemeinsam mit Dorothy Iannone mit einer kleinen Ausstellung in der Gagosian Gallery in der Auguststraße. Für die jungen Künstler war er einer der Ihren, immer wieder mit Beiträgen bei Gruppenausstellungen vertreten, wo mancher sein Geburtsdatum zunächst für einen Druckfehler gehalten haben mag. Seine Solo-Ausstellung zum 75. Geburtstag im Haus am Lützowplatz war ein Muss, die Präsentation seiner „Light Sculptures“ in Emerson Gallery erst im vergangenen Jahr ein gefeiertes Ereignis. 1996 hatte er den erstmals verliehenen Hannah-Höch-Preis bekommen.

Wie kein anderer hat Emmett Williams durch seine Präsenz die Erinnerung an die Fluxus-Bewegung wach gehalten, auch wenn er dieser Rolle manchmal überdrüssig war. Immer wieder in dieselbe Schublade gesteckt zu werden, das hätte jeder irgendwann satt, klagte er, allzu häufig danach gefragt. Trotzdem erzählte er gerne die alten Geschichten und musste selbst noch lachen, etwa bei der Erinnerung an die Aufführung seines „Fischgedichts“ 1970 in Köln. Genau 26 Karpfen hatte er dazu jeweils mit einem Buchstaben versehen in einem Aquarium ausgesetzt. Als einer der Fische sein „A“ verlor wurde er von seinen Artgenossen fortan gemieden.

Da lag die Geburtsstunde des Fluxus schon acht Jahre zurück, als solche gilt die Traktierung eines kostbaren Konzertflügels mit Pflastersteinen und Handsäge unter dem Titel „Piano Activities“. Williams gehörte damals zu den Aufführenden dieser Komposition von Philip Corner bei den „Internationalen Festspielen neuester Musik“ in Wiesbaden. Gemeinsam mit George Maciunas, Wolf Vostell, Joseph Beuys, Dieter Roth, Daniel Spoerri hat er eine Kunst salonfähig gemacht, die zunächst als Ausbruch aus den etablierten Räumen, aus der bürgerlich Angepasstheit gedacht war.

Ein Arbeitsprinzip hat der Fluxus-Veteran aus diesen frühen Tagen – neben der humorvollen Einlage – bis zuletzt beibehalten: das der Überraschung, des Zufalls. Seine Buchstabengedichte, die er stets bildlich umsetzte, entstanden alle auf dieser Grundlage; mit ihnen avancierte er zu einem der wichtigsten Protagonisten der experimentellen Poesie. Berühmtheit erlangte er 1967 mit seinem erotischen Gedichtszyklus „Sweetheart“, in dem er aus den sieben im Titel vorkommenden Buchstaben immer neue Konstellationen schuf. Der Popart-Mitbegründer Richard Hamilton nannte das Werk „das Guernica der Poesie concrète“. Dabei hatten die sinnreichen Wortverdrehungen in den Gedichten des Ende der vierziger Jahre ausgewanderten Exil-Amerikaners ihren ganz eigenen Ursprung. „Ich hatte eine Ausbildung in Literatur,“ erklärte er im Interview. „Als ich nach Europa ging, kam ich mir albern vor, weil ich Sonette schrieb, während andere Installationen machten. So begann ich Wörter als Rohmaterial für die Kunst zu nehmen und damit zu spielen. Sie wurden Teil einer bildhaften Welt.“

Diese Mischung aus Tiefsinn und Unsinn, kalauernden Titeln und erotischen Anspielungen hat sich Williams in seinen Werken bis zuletzt bewahrt. So kreuzte er in seiner 2006 herausgebrachten Siebdruck-Serie „Kunst und Natürlichkeit“ lautmalerische Anklänge an El Lissitzkys PROUN-Gedicht mit altgermanischen Runen und frech erotischen Anspielungen in Gestalt des Wörtchens „Fuck“, das sich am Bildrand ringelt.

Der Fluxus-Künstler mit dem starken Silberblick hatte seine eigene Sicht auf die Dinge, das liebte gerade Nam June Paik an ihm. Bei seinem letzten Auftritt in der Akademie der Künste erinnerte Williams an die ungewöhnliche Erklärung des koreanischen Videokünstler dafür: Schielende Menschen würden mehr sehen, die Welt besser verstehen. Dem konnte das Publikum am Pariser Platz nur zustimmen.

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