Kultur : Zum Tod hin

Eine Uraufführung am Maxim-Gorki-Theater

Andreas Schäfer

Die Autorin ist Mitte zwanzig, und wir schreiben das Jahr 2007 – doch wer „Herr Tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem“ von Nora Mansmann liest, fühlt sich in die achtziger Jahre zurückversetzt: Als Jean Baudrillard die Fiktionalisierung der Welt beschwor und Jacques Lacan mit dem „Symbolischen“, dem „Realen“ und dem „Imaginären“ jonglierte. Auch in Mansmanns Stück leiden die Hauptfiguren am guten, alten Wirklichkeitsverlust. Sobald das „Mädchen“ (Julischka Eichel) an seine Vergangenheit denkt, sind da nur Bilder, von denen es nicht weiß, ob sie sich um Erinnerungen handeln oder um Fotos. Die Mutter liegt im Sterben, die Familie schweigt, das „Mädchen“ reißt sich mit den Zähnen die Adern auf, um etwas zu spüren. Da taucht zum Glück der „Junge“ (Hannes Wegener) auf. Mit dem kann man weg und „so ’n roadmovie-gefühl“ teilen. Es geht „nach Luxemburg“. Nur: Wo man auch hinkommt, das Filmbild ist schon da.

„Der Einbruch des Realen“ lässt also auf sich warten. Auch als beide die Fiktionalisierungsschraube weiterdrehen und als gespielte „Terroristen“ eine echte Geisel nehmen, passiert nicht viel. Immerhin taucht als Zeichen, dass man sich dem Realen nähert, der Tod auf, in der Berliner Uraufführung unter der Regie von Nora Schlocker die interessanteste Figur: Thomas Fränzel führt an einer Orgel durch den Abend. Im schönsten Moment spielt und singt er Reinhard Meys „Über den Wolken“. Am Ende gibt es tatsächlich einen Toten. „Matthias“ (Jörn Hentschel), der eigenbrötlerische Nachbar des Mädchens, die gute Seele des Ganzen, wird von der Dramaturgie geopfert, damit nicht alles nur geträumt war.

Erst 26 Jahre alt, gehört die Autorin und Regisseurin Nora Mansmann zu den Erfolgreichen des Betriebs. Ihr erstes Stück „Terrormum“ wurde gleich zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Mansmann selbst inszeniert gerade in Düsseldorf, und „Herr Tod“ wurde am gleichen Abend in Osnabrück und in Berlin im Studio des Maxim Gorki uraufgeführt. Das Stück betreibt die Auflösung der Grenzen so geschickt, dass man mitunter den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennt. Wann spielt wer gerade was und in welchem Film hat man welchen Satz schon gehört? Hat sich der Nebel der Virtuosität gelichtet, bleibt aber außer dem Spiel mit Versatzstücken nicht viel. Dass die Figuren ihre Schwierigkeiten beredt auf der Zunge tragen, überzieht die Szenen zwar mit einer ironischen Haut, entzieht ihnen jedoch auch das dramatische Potential.

Das Problem der Inszenierung ist, dass die Regie keine einheitliche Sprache für den Spielcharakter findet. Die Schauspieler schreien pathetisch oder stürzen sich ins Knallchargentum und werden auch von der Kostümbildnerin Maren Fischer im Stich gelassen, die sie mit scheußlichen Toupets und Brillen aus Alufolie ausgestattet hat. „Kunst muss wehtun“, sagt einer. Reicht schon, wenn sie nicht langweilt.

Wieder am 28.4. und 4., 5. und 23.5.

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