Kultur : Zum Tod von Aljoscha Rompe: Pierrot in Leder

Christoph Waldmann

Aljoscha Rompe machte aus Punk wild pochenden Schlager. Tauchte Rompe mit seiner Band "Feeling B" auf, gab es Party und Chaos. Es wurde gelacht und geliebt, als wäre ständig Karneval. Von 1983 bis 93 war Rompe ihr König, er tanzte über den Massen, dirigierte sie zur Ekstase und suchte selber stets seine Grenzen, ein sonniger Punk-Gott. War ein Konzert angesetzt, konnte es vorkommen, dass die vier jüngeren Bandmitglieder immer wieder lieblich bittend "Aljoscha" säuselten. Ein suchender Blick in den Saal genügte, irgendwo ruhte der Sänger. Einmal erweckt, eroberte das Stehaufmännchen die Bühne und hüpfte wie eine Boje im Orkan. Sein Anker war der Mikrofonständer, sein Körper die Brandung. Einen Moment später zitierte er die Gesten der Rockstars und lachte über seine Mache. Er nahm sich nicht ernst, nahm alles, was ihm gefiel, verdichtete seine Ruhelosigkeit.

Klare Botschaften, die Sucht nach Leben und Tempo prägten seine Texte. Kombiniert mit dem Gepolter echter Schlager faszinierte "Feeling B" Intellektuelle und Proleten. Es war die Entdeckung der punkigen Volksmusik, und alle fanden ihre Hymne: "Mix mir einen Drink, der mich woanders hinbringt" oder "Irgend etwas treibt dich raus..." Rompe war ihr sonniger Pierrot in Leder, er lehrte den Pogo auch den Schichtarbeitern. Ob in Steinbrücken oder Heringsdorf, Nickelbrillen und Schwielenhände tranken und tanzten fröhlich in andere Welten. Alle verstanden das sentimentale Taumeln der Erschöpfung, das schweißige Gieren nach Kontakt. Sein Tempo, seine Lebensgier genossen alle. Als der Dokumentarfilm "Flüstern und Schreien" über die Punkszene Ost im Jahr 1988 endlich in die Kinos durfte, wurde "Feeling B" landesweit Kult.

Die Auftaktzeile eines Feeling B-Klassikers lautet: "Ich weiß nicht, was soll es, was hab ich getan? Was soll ich jetzt machen, was fang ich jetzt an? Man hat mir gesagt, ich sei schizophren, was bleibt mir nun übrig, als einfach zu gehen?" Zu DDR-Zeiten verstand es das Publikum als Aufruf zur Ausreise. Doch Rompe stellte damit auch die DDR-typische Trennung von kleinbürgerlicher Privatheit und politischen Lippenbekenntnissen in Frage.

Das Tempo des Punk war Rompes Lebensrhythmus. Der asthmaanfällige Physiker wollte alles gleichzeitig: eine Tour organisieren, Projekte anleiern, Platte aufnehmen, Interviews geben, Manager prellen, Hausbesitzer ärgern, Schach spielen und kochen. Das war sein Idealzustand. Passierte nur eins davon, konnte seine Konzentration schnell versacken. "Feeling B" verstand er als Guerillakommando, immer unterwegs, nie zu fassen. "Bewegte Ziele sind schwerer zu treffen", wusste der stolze Spross einer Schweizer Generalsfamilie. Als echter Verwandter der Brechtfigur Baal negierte er bewusst bürgerliche Werte und verweigerte Unterordnung. "Feeling B" übte nie. Professionalität wurde stets durch Chaos verhindert.

Rompe kannte den Westen länger als seine Kollegen. Sein Schweizer Pass hatte ihm acht Jahre vor dem Mauerfall den Weg in den Westen geöffnet. Danach trampte er zwei Jahre durch Amerika, besorgte sich ein Eidgenössisches Stipendium und finanzierte so das Feeling-B-Equipment. Als die kapitalistische Verwertung den Osten erreichte, besetzte Rompe zusammen mit "Feeling B" ein Mietshaus in der Schönhauser Allee. Die "Autonome Aktion Wydocks" wurde gegründet, ABM-Stellen beantragt, Fördermittel aquiriert und das Haus instandgesetzt. Doch als die Heizung funktionierte, ein Video- und ein Ton-Studio installiert waren, die eigene Kneipe Geld und Schnaps erwirtschaftete, blieb die Fluktuation der Bewohner aus. Sie richteten sich ein und machten Projekte. Das langweilte den unruhigen Vagabunden. Seine Weltreisen wurden immer länger. Kam er zurück, brachte er immer größere Projekte mit. Das Zerstörungsziel war jetzt das eigene Netzwerk, die "Schönhauser 5". Doch die Dagebliebenen zogen nicht mit. Statt dessen löste sich Feeling B auf. Rompe war wieder mal verschwunden. Als er aus dem Urlaub kam, sollte er vorproduzierte Songs einsingen. Das konnte er nicht, und die Platte blieb liegen. Die Musiker Flake Lorenz und Paul Landers wurden "Rammstein" und formten das Archaische von Feeling B um. Rompes Weg war es nicht. Ein paar Jahre später startete er noch einmal unter dem alten Namen in neuer Besetzung. Aber den Punksänger holte der Ekel gegen das Bekannte ein. Er verweigerte das Schmettern der alten Hits und verprellte die Fans.

Als eine Maklerfirma 1998 das Haus "Schönhauser 5" aufkaufte und in repräsentative Eigentumswohnungen umwandeln wollte, begann die Zerstörung des Vereinsdomizils von außen. Die meisten Mieter ließen sich auszahlen. Rompe blieb und hielt die Stellung. Als die Situation immer bedrohlicher wurde, kaufte er sich ein Wohnmobil und verfolgte die neuen Hauseigentümer erfolgreich vor Gericht. Sein Campingbus stellte er auf einen Hinterhof ein paar Straßen weiter. Dort wurde er von einem Bauarbeiter am 23. November tot aufgefunden. Rompe war 53 Jahre alt.

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