Zum Tod von Doris Lessing : Zwischen Wut und Würde

Sie schrieb über Afrika, über das Politische im Privaten, über Frauen und ihre Rechte. 2007 wurde Doris Lessing dafür mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Am Sonntag ist die britische Schriftstellerin in London gestorben.

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Doris Lessing
Doris Lessing wurde 94 Jahre alt.Foto: Reuters

Die Mutter kleiner Kinder zu sein, sagte sie einmal, das sei der „Himalaya der Langeweile“. Politisch korrekt klingt das heutzutage nicht gerade, aber was man über sie dachte, war Doris Lessing zeitlebens egal. Sonst wäre Doris May Taylor sicher nicht mit 14 Jahren aus der Klosterschule von Salisbury ausgerissen, hätte sich mit Jobs durchgeschlagen und wäre, gerade dreißig und mittellos, mit zwei gescheiterten Ehen, ein paar Manuskripten und einem kleinen Sohn im Gepäck wohl auch nicht nach England ausgewandert. Die beiden Kinder aus erster Ehe ließ sie in Afrika zurück. Ihren deutschen Namen hatte die junge Frau von Gottfried Lessing, einem kommunistischen Emigranten, Gregor Gysi ist mit ihm verwandt. Ein Name der Aufklärung, damit ließe sich etwas anfangen, dachte sie sich.

Doris Lessings "Goldenes Notizbuch" wurde zu einer Bibel der Frauenbewegung

Also fing sie an, schreibend aufzuklären, fast manisch. Über das rhodesische Kolonialregime und den Rassismus, über die atomare Apokalypse und natürlich das elende Geschlechterverhältnis. In einer billigen Londoner Bleibe schrieb sie die „Afrikanische Tragödie“ (1949), ein erster Erfolg. Die Kommunistische Partei verließ Lessing nach dem Ungarn-Aufstand von 1956: „Utopien enden meistens im Konzentrationslager.“

Doris Lessing gestorben
Doris Lessing steht vor ihrem Haus.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Reuters
18.11.2013 12:16Die in Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, aufgewachsene Schriftstellerin schrieb einige der schönsten Geschichten über Afrika....

In ihre ehemalige Heimat Rhodesien durfte die Farmerstochter dennoch nicht zurückkehren, bis zum Ende des Bürgerkriegs. In „Rückkehr nach Afrika“(1992) beschreibt sie die deprimierende Wiederbegegnung mit dem Land, in dem ihre Eltern so glücklos blieben, nachdem sie mit der 1919 im Iran geborenen Tochter in die britische Kolonie gekommen waren. Vielleicht waren es diese existentiellen Abbruchkanten, die Doris Lessing zeit ihres Lebens beschäftigt haben.

Zum Durchbruch verhalf ihr ein Buch, das eigentlich zu früh kam. 1962, als die ersten Sprossen der Frauenbewegung noch im Verborgenen keimten, kam „Das Goldene Notizbuch“ heraus, das politische Auseinandersetzung und weibliche Erfahrung miteinander verknüpfte. Das Buch machte Furore und wurde zu einer Bibel des Feminismus, denn es führte die dialektische Losung vom Privatpolitischen überaus komplex vor. Die vier Leben von Anna Wulf, das war der Literatur gewordene „weibliche Lebenszusammenhang“, über den in den siebziger Jahren leidenschaftlich diskutiert wurde, als das Buch endlich übersetzt auch in die feministischen Lesezirkel in Deutschland gelangte.

Eine weibliche Intellektuelle, das war damals eine, die zwar litt, aber kämpfte. Und die sich Sätze wie den vom langweiligen Mutter-Dasein erlaubte, für den sie heute geprügelt würde.

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