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Zum Tod von Ellsworth Kelly : Farbe im Quadrat

Ellsworth Kelly gehörte zu den Protagonisten des Hard Edge, sein Markenzeichen waren Farbfelder und die Befreiung des Bilds von seiner Bedeutung.

Bernhard Schulz
Ellsworth Kelly wollte trotz Krankheit bis zuletzt öffentlich auftreten - und zog immer sein Wägelchen mit Sauerstoffflasche hinter sich her. Hier ein Bild von 2013.
Ellsworth Kelly wollte trotz Krankheit bis zuletzt öffentlich auftreten - und zog immer sein Wägelchen mit Sauerstoffflasche...Foto: dpa

Wer im Berliner Regierungsviertel spazieren geht, dem fallen am Paul-Löbe-Haus vielleicht die farbigen Flächen ins Auge. Auf den hohen weißen Wänden sitzen vier annähernd quadratisch geformte Objekte, leuchtend koloriert. Bilder mag man sie nicht nennen, denn sie stellen offenkundig nichts dar. Sie „sind“, und genau das hat der Künstler Ellsworth Kelly in seinem reifen Werk stets geschaffen: Gegenstände aus Form und Farbe, die an jene Stelle getreten sind, die einst das illusionistische Bild inne hatte.
Das scheint einfach zu sein und ist doch äußerst schwierig. Denn das Bild von der Aufgabe zu befreien, etwas repräsentieren zu sollen, ist angesichts der Tradition des Bildermachens ein durchaus heroischer Akt. Kelly hat ihn nicht sofort und nicht voraussetzungslos vollzogen. Er studierte Kunst, zunächst in New York vor dem Zweiten Weltkrieg, danach in Paris. Er setzte sich mit Matisse und Picasso auseinandert, ging durch die Kunst hindurch, um sie hinter sich zu lassen. Die monochromen, besonders geformten Leinwände, die er seit den frühen 50er Jahren schuf, sind das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung mit der Kunst.


Kellys Kunst war eine Negation von Pollocks Action Painting

"Shaped canvases“ hat die Kritik sie genannt, geformte Leinwände, und sie der Richtung des Hard Edge zugeordnet, der harten Kante. Begriffe sind Abgrenzungen gegenüber dem, was vorher da war. Als der 1923 nahe New York geborene Kelly 1954 in die US-Metropole zurückkehren musste, weil sein sehr schmales Stipendium als Weltkriegs-Veteran ausgelaufen war, war das der Abstrakte Expressionismus, die wilde, gestische Malerei mit Jackson Pollock als wichtigstem Vertreter. Kellys Farbfelder mussten geradezu als Negation des expressiven Drauflosmalens beim Action Painting verstanden werden. Doch sind sie nicht erst in der Auseinandersetzung mit der New Yorker Szene entstanden, sondern in der Beschäftigung mit der abendländischen Kunst, wie sie Kelly in Paris und Frankreich sah.

Ellsworth Kelly im Kunstmuseum Bonn, so er im Jahr 2000 seine frühen, in Paris zwischen 1948 und 1955 entstandenen Werke unter dem Titel "The Early Drawings" präsentierte
Ellsworth Kelly im Kunstmuseum Bonn, so er im Jahr 2000 seine frühen, in Paris zwischen 1948 und 1955 entstandenen Werke unter dem...Foto: dpa

Auf seinen Reisen nahm er zum ersten Mal Gegenstände nicht in ihrer Funktion wahr, als Stuhl, Fenster, Vorhang, sondern als Objekte im Raum. 1949 baute er ein Fenster regelrecht nach, nicht als Medium des Hindurchsehens, sondern als Objekt. Es überrascht nicht, dass Kelly als Maler mit den Nicht-Farben Weiß und Schwarz begann, als müsste er sich erst einmal des Gegenstands versichern, bevor er es mittels Farbe hervortreten lassen konnte.

„Farbe ist spirituell“, hat er später gesagt und sich in eine kunsthistorische Tradition gestellt. „Meine Arbeiten sind so etwas wie romanische Altäre ohne die Verzierung, die Figuren, ohne den Inhalt.“ In Paris war Kelly mit dem damals für viele Künstler wegweisenden Zen-Buddhismus in Berührung gekommen, und das Paradox des bewussten Ausschaltens von Aussage oder Bedeutung spiegelt sich in den Farbfeld-Arbeiten. New York war das vielleicht schwierigste Pflaster für diese Kunst, folgte doch auf den Abstrakten Expressionismus zunächst die alsbald ungeheuer erfolgreiche Pop Art, die sich der Gegenstände des Alltags annahm, um sie als solche zu zeigen. Zu dieser Zeit, um 1960, hatte Kelly lediglich einige wenige Galerieausstellungen vorzuweisen, und es dauerte bis 1963, ehe er erstmals in einem Museum eine Einzelausstellung erhielt.

Sein Markenzeichen war die Farbfeldmalerei

Vom Bild als Gegenstand zum dreidimensionalen Objekt war es nur ein Schritt. Parallel zur Malerei schuf Kelly seit der Rückkehr in die USA stets auch Skulpturen, die die „harte Kante“ in den freien Raum setzen. Auch im Innenhof der amerikanischen Botschaft in Berlin steht eine solche Skulptur, gut zwölf Meter hoch, die gewissermaßen in die Luft hineinschneidet und dieses umgebende Nichts zum Resonanzraum des metallenen Objekts formt. Der Unterschied zwischen planer Malerei und räumlicher Plastik ist in Kellys Werk aufgehoben. Stets sind es Gegenstände, die mit dem umgebenden Raum, und sei es die weiße Wand, in Beziehung treten. Vor der „weißen Schachtel“, dem White Cube, wie sie für Museen seit den Sechzigern üblich wurden, müssen sich Kellys Arbeiten nicht fürchten, sie erheben sie vielmehr zu einem farbig pulsierenden Raum.

In Europa fand die Farbfeldmalerei erst spät Anerkennung, es musste wohl erst der Rausch der Pop Art verfliegen. Es mussten überhaupt die Spielarten des Realismus und der Abbildhaftigkeit verarbeitet sein, ehe Kellys Werk verstanden werden konnte: als Abstraktion, die vom genauen Hinsehen ausgeht – Kelly war ein vorzüglicher Zeichner – und von dieser intensiven Beobachtung abstrahiert, um zu reinen Formen und Farben zu gelangen. Die enge Beziehung zur Architektur führte zu zahlreichen Aufträgen, an Neubauten gestalterisch mitzuwirken, wie eben am Paul-Löbe-Hause in Berlin. Längst lebte Kelly da außerhalb von New York in Spencerton auf dem Land. Seit den 70er Jahren häuften sich die Ausstellungen in aller Welt; die bislang größte Retrospektive von 1996 tourte nach London und führte – leider an Berlin vorbei – nach München.

Am Sonntag ist Ellsworth Kelly 92-jährig auf seinem Landsitz bei New York gestorben. Er war präsent, bis zum Schluss: Die letzten Jahre hatte er sich immer mit Wägelchen samt Sauerstoffflasche in der Öffentlichkeit gezeigt. Seine Farbfelder bleiben, sie sind zeitlos geworden, als gültige Aussagen über Form, Farbe und Raum.

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