Zum Tod von Fritz J. Raddatz : Der Unruhegeist

Scharfe Zunge, brillanter Kopf: Fritz J. Raddatz, der große deutsche Feuilletonist der Nachkriegszeit, Schriftsteller und Literaturkritiker ist am Donnerstag im Alter von 83 Jahren gestorben.

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Fritz J. Raddatz. Foto: dpa
Fritz J. Raddatz, 3.9.1931 - 26.2.2015.Foto: dpa

Im Nachhinein liest er sich dann doch anders, der „Abschied“, den Fritz J. Raddatz im September vergangenen Jahres in der „Welt“ erklärt hat, seinen Abschied vom Journalismus im Allgemeinen und von der Literaturkritik im Besonderen. Vielleicht hat er da schon geahnt, dass ihm nicht mehr viel Lebenszeit bleibt, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, der vergehenden Zeit hinterherzulaufen. „Ich habe mich überlebt“, schrieb Raddatz da, „meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet“, er sei aus der Welt gefallen. Er schrieb aber auch: „Alles Leben hat seine Grenze. Alles Erleben auch“. Und: „Time to say goodbye“. Das hatte etwas seltsam Unglaubwürdiges, was seine Abgeschafftheit angeht – meint er das wirklich ernst, dachte man beim Lesen? Andererseits hatte es etwas Trauriges, irgendwie Todesschwangeres.

Fritz J. Raddatz, eine Bildergalerie
Fritz J. Raddatz, Schriftsteller und Kulturjournalist, 3. September 1931 - 26. Februar 2015. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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26.02.2015 15:45Fritz J. Raddatz, Schriftsteller und Kulturjournalist, 3. September 1931 - 26. Februar 2015.

Doch der Aplomb, mit dem Fritz J. Raddatz seinen Abschied inszenierte, seine Koketterie, kein Montaigne, kein Proust sein zu müssen, um die Schönheit nicht auf ewig herauszufordern („Die große Gier nach Schönheit verkommt zu Beliebigkeit“), passte zu ihm wie zu keinem zweiten aus der Großkritikergarde seiner Generation. Fritz J. Raddatz, der 1931 in Berlin geboren wurde, war ein Kritiker, der in seinen Texten wie in der Literatur überhaupt Wert auf Stil legte, der rezensierend Elan und spielerischen Ernst, Eleganz und Eitelkeit miteinander verband und der dies auch in seinem Äußeren zur Schau trug. Mit seinem Auftreten, den edlen Rotweinen, Antiquitäten und schönen Möbeln, wertvollen Bildern und teuren Sportwagen inszenierter er sich als Dandy, als einer, dem es durchaus auch um selbst ging - und der gerne mal Krach schlug.


In seinen Tagebüchern brachte er auf den Punkt, wie es um sein Ich bestellt war

Als „die letzte Erscheinungsform des internationalen Jetsets im Feuilleton“ hat ihn der vergangenes Jahr gestorbene „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher bezeichnet, 2003. Da stellte Raddatz im Berliner Four Seasons Hotel seine Memoiren „Unruhestifter“ vor, er selbst nannte sich darin einen „Revoluzzer im Maßanzug“. Und in seinen Tagebüchern, die ein paar Jahre später erschienen, rechnete er nicht nur mit dem Literaturbetrieb ab, sondern brachte in einer längeren Aufzählung auch unbarmherzig auf den Punkt, wie es um sein Ich bestellt war: „Selbstmitleid, Hang, geliebt zu werden, Angst, Aggressivität, Minderwertigkeitsgefühl, Sentimentalität, Überheblichkeit, Selbstbezogenheit.“

Raddatz (rechts) mit den Schriftstellern Siegfried Lenz (l.) und Günter Grass beim Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller in München, 1980. Foto: dpa
Raddatz (rechts) mit den Schriftstellern Siegfried Lenz (l.) und Günter Grass beim Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller...Foto: dpa


Das Bewusstsein der eigenen Größe, das Wissen darum, ein Zeitgenosse von literaturhistorischer Bedeutung zu sein, es hat ihn schon früh angetrieben: als Cheflektor des DDR-Verlags Volk & Welt von 1953 bis 1958, als stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags in den sechziger Jahren und als Feuilleton-Chef der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ von 1976 bis 1985. „Seine Eitelkeit hat uns Qualitäten beschert, aber ihn auch verlockt, bis an den Rand zu gehen und darüber hinaus“, beschreibt der damalige „Zeit“-Chefredakteur Theo Sommer Raddatz’ Tätigkeit als Feuilletonchef. Der Kulturteil ist in dessen Zeit so leidenschaftlich wie spielerisch, aufklärerisch und streitbar – mit Raddatz als Reiz- und mitunter auch als Hassfigur.


Ein falsches Goethe-Zitat kostet Fritz J. Raddatz seinen Job bei der "Zeit"

Mit viel Genuss und Häme wird von der Konkurrenz dann auch der Fehler aufbereitet, der ihn dann seinen „Zeit“-Job kostet. In einem kleinen, angeblich von Theo Sommer gegengelesenen Text zur Buchmesse siedelt Raddatz einen Hauptbahnhof im Frankfurt der Goethe-Zeit an und sitzt mit seinem vermeintlichen Goethe-Zitat einer Parodie der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf. Raddatz erhält einen – wohl gut dotierten – Autorenvertrag als „Zeit“-Kulturkorrespondent, fragt sich dann aber des Öfteren, warum die Leute Angst vor ihm haben oder sich eigentlich so boshaft an ihm abarbeiten. Ist es sein Aussehen? Seine Bisexualität, aus der er nie einen Hehl machte? Seine schnelle Auffassungsgabe und Intelligenz? Oder ist es „Mein alter/ewiger Fehler: Ich mache die Menschen sich nichtig fühlen, unterlegen; und das weckt instinktiv Aggressionen“?

Raddatz' autobiografische Trilogie: eine alltagsgesättigte, lesenswerte Erziehungsgeschichte

Tatsächlich ist es heute, da Journalistenbücher- und -romane gang und gäbe sind, kaum noch vorstellbar, wie Raddatz allein schon dafür angefeindet wird, dass er mit seinem Erzähldebüt „Kuhauge“ 1982 die Seiten wechselte. „Sie wissen, wie wir alle an Ihnen hängen, aber wollen Sie eigentlich Feuilletonchef sein oder Romancier werden?“, wird er bei der Veröffentlichung gefragt. In seinen Tagebüchern berichtet er – er sitzt da gerade an seinem dritten Roman „Die Abtreibung“ –, wie die Selbstzweifel seit jeher an ihm nagen, gerade was die eigene Prosa betrifft. „Wie unverschämt, gar lächerlich ist es eigentlich, nach all den Riesen der Weltliteratur von Flaubert bis Joyce sich hinzusetzen und Prosa zu schreiben – Unverfrorenheit?“
Als „Eine Erziehung in Deutschland“ werden Raddatz’ Bücher „Kuhauge“, „Wolkentrinker“ und „Die Abtreibung“ 2007 noch einmal als Trilogie veröffentlicht. Sie ist eine lesenswerte, alltagsgesättigte Erziehungsgeschichte der besonderen Art; vom Aufwachsen seines Alter Egos Bernd Walther im Berlin der Nazi-und Kriegszeit erzählt Raddatz, mitunter in einer recht gespreizten Sprache, vom Feuersturm, der über Berlin niederging, davon, wie Bernd sich und den sterbenskranken Vater – seine eigene Mutter starb bei seiner Geburt – mit Schwarzmarktgeschäften durchbringt.

Die Kriegserlebnisse bescheren Raddatz eine existentielle Traurigkeit, die er jedoch zu übertünchen versteht, die seinem sich dann entwickelnden und „nicht parierenden, sich nicht bückenden Selbstbewusstsein“ wenig anhaben kann. Er studiert an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, „aus politischer Überzeugung“, macht hier 1953 sein Staatsexamen, promoviert 1958. Er schreibt Biografien über Karl Marx und Gottfried Benn, gewinnt in seiner Zeit bei Rowohlt Autoren wie Hubert Fichte, James Baldwin, Walter Kempowski, Rolf Hochhuth und Elfriede Jelinek, ist befreundet mit Fichte und Peter Weiß, mit Inge Feltrinelli und Mary Tucholsky, streitet und versöhnt sich wieder mit Grass oder Walser, Rühmkorf oder Enzensberger.
In den neunziger Jahren wirkt er wie eine Figur von gestern, nur um im nachfolgenden Jahrzehnt in seiner Einzigartigkeit noch mehr wertgeschätzt zu werden, als seine Memoiren und seine Tagebücher erscheinen - und noch einige andere Bücher mehr. Und es passt irgendwie auch zu seinem Abschiedsbrief, dass er genau an diesem Donnerstag stirbt, an dem in der „Zeit“ ein Vorabdruck seines Buchs über die „Jahre mit Ledig“, dem großen Rowohlt-Verleger, erscheint.

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