Zum Tod von Gerhard Zwerenz : Auf Krawall gebürstet

Schriftsteller, Soldat, Abgeordneter: Gerhard Zwerenz war ein Mann mit vielen Widersprüchen, doch immer auf der Seite der Geschlagenen. Nun starb er mit 90 Jahren.

Hannes Schwenger
Gerhard Zwerenz.
Der Widersprüchler: Gerhard Zwerenz.Foto: imago/gezett

Als „ein großes Geräusch“ hat Martin Walser in jungen Jahren seinen älteren Kollegen Gerhard Zwerenz verspottet, der am Montag 90-jährig in Schmitten bei Frankfurt gestorben ist. Damals, 1957, waren beim Ostbüro der SPD gerade dessen „Galgenlieder vom Heute“ erschienen, das erste im Westen gedruckte Buch des gelernten Kupferschmieds und studierten Schülers des Philosophen Ernst Bloch in Leipzig, das er fluchtartig verlassen musste, um nicht wie sein Freund Erich Loest im Zuchthaus Bautzen zu landen. Zwei Bücher über Aristotelische und Brechtsche Dramatik sowie gegen Aberglauben in Astrologie und Spiritismus hatte er in der DDR veröffentlicht, dazu antistalinistische Gedichte („Die Mutter der Freiheit heißt Revolution“) und Essays in der neuen „Weltbühne“ und der Kulturbundzeitung „Sonntag“, die ihm ein Parteiverfahren einbrachten. Den „Galgenliedern“ folgten Titel wie „Ärgernisse. Von der Maas bis an die Memel“ (1961), „Wider die deutschen Tabus“ (1962) und „Gesänge auf dem Markt“ (1962), allesamt als lautstarke Polemiken erkennbar.

Zwerenz: "Ich bekämpfe die Mächtigen"

Ja, der Mann war auf Krawall gebürstet. Zu den Aufregern, mit denen er noch in späten Jahren provozierte, gehört seine These „Soldaten sind Mörder“; auch da wusste er, wovon er sprach, denn er hatte sich als 17-Jähriger 1942 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, war 1944 desertiert und hatte 1948 noch einmal als Volkspolizist gedient. 1968 in der Bundesrepublik schlug er sich wie Bloch auf die Seite der rebellierenden Studenten und proklamierte „Die Lust am Sozialismus“ (1969) und die sexualpolitische Revolution („Kopf und Bauch“, 1971).

Beim DGB warb er für einen Beitritt der Schriftsteller, aber den Schriftstellerverband VS verließ er wegen dessen mangelnder Solidarität mit den Ausgebürgerten der DDR. Was ihn nicht hinderte, nach der deutschen Vereinigung in den Verband – nunmehr unter dem Vorsitz von Erich Loest – zurückzukehren. Zuletzt überraschte er mit seinem Einzug in den Bundestag als parteiloser Abgeordneten auf der Liste der PDS. Er sei, schrieb er an Karl Corino, immer auf der Seite der Geschlagenen: „Ich bekämpfe die Mächtigen. Sind sie besiegt und am Boden, neige ich eher zur Hilfe.“ Und zur Polemik: Jürgen Fuchs und dessen Freunden hielt er entgegen, man solle sie „vormerken bis zur nächsten Wende“.

Der stille Star

Mit Recht trägt das vielleicht gewichtigste seiner Bücher, ein „autobiografischer Bericht“ im S. Fischer Verlag von 1974, den Titel „Der Widerspruch“. Unter seinen über 100 Büchern finden sich neben pseudopornografischen Romanen, die er unter Pseudonym und, wie er ironisch sagte, für die Altersversorgung seiner Frau Ingrid verfasste, auch Kabinettstücke wie das autobiografische „Großelternkind“ (1978), das Romanpanorama der 60er Jahre in Köln „Casanova oder Der Kleine Herr in Krieg und Frieden“ (1966) und seine präzisen literatursoziologischen Essays („Der plebejische Intellektuelle“, 1972). Seinen Freunden und Feinden bleibt Gerhard Zwerenz in Gesellschaft seines Chow-Chows „Lord Billy“ in Erinnerung. Ihm widmete er, mit Ko-Autorin Ingrid Zwerenz, einen „Roman der Freundschaft“. Wenn die drei über die Frankfurter Buchmesse gingen, waren sie die stillen Stars – und Martin Walser ein großes Geräusch.

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