Zum Tod von Günter Grass : Das Salz der Herde

Selbstzweifel? Bescheidenheit? Fehlanzeige. Die Rolle des Nachkriegsdeutschen mit dem Zeigefinger behauptete Günter Grass bis zuletzt. Dazu gehörte von Anfang an auch der Part des selbstgerechten Leugners. Ein Kommentar

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Ein Blick in das Fenster des Günter-Grass-Hauses in Lübeck.
Ein Blick in das Fenster des Günter-Grass-Hauses in Lübeck.Foto: AFP

Zeit seines Lebens hat Günter Grass der Gesellschaft das Gefühl vermittelt, dass er immer der guten und gerechten Sache diene. Wo Grass war, konnten der politische Anstand und Aufstand nicht weit sein. In Wahrheit war nicht Marcel Reich-Ranicki der Literaturpapst der Bundesrepublik, sondern Günter Grass. Aus Grass sprach die Autorität des nobilitierten Dichters und zugleich die Wortgewalt eines Warners und Mahners, der sich mit Märchen, Mythen und vorzeitlichem Getier verpanzerte. Grass hat das Bild des engagierten Literaten, des Intellektuellen über Jahrzehnte dominiert. Und auch: usurpiert.

Schriftsteller stehen links. Schriftsteller mischen sich ein, sonst sind sie keine guten Schriftsteller. Schriftsteller haben den Durchblick und arbeiten am gesellschaftlichen Fortschritt. Schriftsteller gehen auf Kongresse, halten flammende Reden, regen sich auf. Dieser Phänotypus verdankt sich Günter Grass: mit Schnauzbart und Pfeife. Mit Tamtam und Trara. Selbstzweifel? Fehlanzeige. Bescheidenheit? Er hieß eben Grass, nicht Böll.

In der gesamten Weltliteratur muss man suchen, um einen Erstling zu finden, der einschlug wie 1959 „Die Blechtrommel“. Das war ja kein Schmalband, sondern gleich der dickste Fisch, der je aus der Ostsee kam. Nicht einmal die „Buddenbrooks“ bescherten ihrem Debütanten Thomas Mann einen solchen Erfolgsgewittersturm, jedenfalls nicht sofort. Mit der „Trommel“ war die Grundtonart entschieden bei dem Danziger. Prall und knallig. Für die Verfilmung gewann Volker Schlöndorff 1979 einen Oscar.

Aus seiner Gift- und Garküche kamen späte Gedichte über Israel und Griechenland

Grass selbst besaß großes darstellerisches Talent. Wer hätte je, so wie er, den guten Deutschen verkörpert, mit sämtlichen sozialen Registern? „Mehr Demokratie wagen“ – das berühmte Motto von Willy Brandt wird Günter Grass zugeschrieben. Wofür oder wogegen hätte Grass sich nicht eingesetzt? Und dann geschah etwas, im Jahr 2006, das jeden Politiker Amt und Ansehen gekostet hätte. Grass gab die Geschichte mit der Waffen-SS zu. Aber ein Schriftsteller tritt nicht zurück. Und auch die moralische Instanz hielt sich auf dem Sockel, wenn auch wackelig. Nicht dass er als 17-Jähriger einem Mörderhaufen beigetreten war, war die Verfehlung. Der Bruch lag darin, dass er es ein Leben lang verschwiegen oder verdrängt hatte. Dass es ihn nicht daran hinderte, der Nachkriegsdeutsche mit dem größten Zeigefinger zu werden und diese Rolle fest zu behaupten. Nur war sie vielschichtiger als gedacht. Dazu gehörte, von Anfang an, der Part des selbstgerechten Leugners.

Präceptor Germaniae, ein Prediger des Zorns, ein Hedonist: Aus seiner Gift- und Garküche kamen späte Gedichte über Israel und Griechenland. Dazu muss man sagen, mit dem berühmten Satz aus dem „Butt“: Grass salzte nach, nach Ilsebill-Art. Es wurde ungenießbar.

So sollte es sein. So wollte er sein. So wird es keiner mehr machen, weil die Menschen mit diesen Kriegs- und Nachkriegsbiografien aussterben und die Rants im Internet an der Tagesordnung sind. Günter Grass hat, der Letzte seiner Art, das Dichterische und das J’accuse kultiviert. Zutiefst war er eine Gestalt des ideologischen 20. Jahrhunderts. Sein Auftritt fand Nachhall, die Öffentlichkeit wollte den unangenehmen, sperrigen Brocken. Die Zeit wird das trennen. Es hilft den Büchern, wenn man sie befreit von der Last der Eitelkeit und der Moral des Tages. Dann kann und wird bleiben: die Literatur.

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