Zum Tod von Jewgeni Jewtuschenko : Die Stimme der Entstalinisierung

Epische Gedichte wie "Stalins Erben" oder "Babij Jar" machten ihn berühmt. Jetzt ist der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko in den USA gestorben.

Tsp dpa
Wortgewaltig. Jewgeni Jewtuschenko füllte Stadien.
Wortgewaltig. Jewgeni Jewtuschenko füllte Stadien.Foto: Alexander Zemlianichenko/dpa

Berühmt wurde er als Dichter der Tauwetterperiode, gestorben ist Jewgeni Jewtuschenko mit 84 Jahren jedoch fern der Heimat: in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma, wo er seit 1992 russische Literatur lehrte. Nach einer orthodoxe Trauerfeier in den USA, so der letzte Wille Jewtuschenkos, wird er im Moskauer Literatenvorort Peredelkino begraben. Dort besaß der Schriftsteller unweit vom Sommerhaus Boris Pasternaks eine Datscha, die er vor wenigen Jahren dem russischen Staat als Dichtermuseum geschenkt hatte. Trotz aller Kritik hatte Jewtuschenko nie ganz mit dem sowjetischen System gebrochen. Präsident Putin gehörte zu den ersten, die der Familie ihr Beileid aussprachen: „Sein Erbe ist ein wichtiger Teil der russischen Kultur.“

Jewtuschenkos epische Gedichte, etwa „Stalins Erben“ oder „Babij Jar“, machten ihn zur poetischen Stimme der Entstalinisierung. Schostakowitsch vertonte mehrere seiner Dichtungen. In „Babi Jar“ erinnerte er an den deutschen Massenmord an Kiewer Juden 1941 und verband dies mit Warnungen vor Antisemitismus in der Sowjetunion.

Der zornige junge Mann Chruschtschows

Ungeachtet seiner regimekritischen Einstellung durfte der Dichter reisen. Vor allem in den USA galt er als „zorniger junger Mann Chruschtschows“. Die Popularität seiner Werke im Ausland half ihm, in der Sowjetunion renitent zu bleiben. Selbst den Rauswurf aus der Redaktion der Zeitschrift „Junost“ nach seiner Kritik am Einmarsch in die CSSR 1968 vermochte er zu überstehen. Noch in den „bleiernen Jahren“ der Breschnew-Zeit erhob er seine Stimme, als literarischer Vorläufer von Glasnost. Seine kraftvolle Stimme und energische Erscheinung machten ihn zu einem volkstümlichen Dichter wie einst Wladimir Majakowski. Mit seinen Lesungen füllte Jewtuschenko in Russland Hallen und Stadien.

„Er war mehr als ein Dichter, weil er ein Bürger mit einer ganz klaren Haltung war“, so Natalja Solschenizyna, Witwe des Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenyzin. So sah sich auch Jewtuschenko. „Ein Dichter in Russland ist mehr als ein Dichter“, hat er einmal gesagt. Jewtuschenko verstand sich als Welterklärer. Der vielfach ausgezeichnete Poet schrieb auch Prosa und arbeitete als Regisseur („Stalins Begräbnis“, 1990) und Drehbuchautor. Im nach-sowjetischen Russland beklagte er die „kommerzielle Zensur“, die „McDonaldisierung der Kultur“.

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