Zum Tod von Loriot : Sagen Sie jetzt nichts

23.08.2011 23:25 UhrVon Harald Martenstein
Gerade gestorben und doch schon Legende: Loriot. Foto: imago
Gerade gestorben und doch schon Legende: Loriot. - Foto: imago

Vieles wird verschwinden, was heute hip ist, über Loriot wird man auch in 100 Jahren noch lachen. Zum Tode eines großen Humoristen, der vor allem Preuße war.

Als er älter wurde und als er schließlich sehr alt war, sah er auf einmal, von weitem, einem anderen Deutschen ähnlich, einem der ganz wenigen, die von ihrem Publikum genauso geliebt wurden wie er. Beide verwandelten sich in zarte, heitere Greise, bei denen es fast schien, als könne das Sonnenlicht durch die Spinnweben ihrer Falten hindurch scheinen, auf die andere Seite. Wer behauptet, die Deutschen seien grob und besäßen einen brachialen Humor, der hat eben niemals die Bekanntschaft von Heinz Rühmann und von Loriot gemacht.

Der Autor Axel Hacke hat einmal das Lebenswerk von Loriot, so weit es gedruckt vorliegt, auf eine Waage gestapelt.

Seitdem weiß man: Es sind 4,1 Kilo. Loriot gehörte zu den seltenen Menschen, die einerseits sehr genau arbeiteten, mit äußerster Sorgfalt, und die trotzdem sehr produktiv waren.

Bei wenigen Künstlern kann man sich so sicher sein wie bei diesem, dass auch die Nachwelt mit ihrer Kunst noch etwas anzufangen weiß. Man muss nur, probehalber, einem Kind von heute die alten Bildergeschichten zeigen, die Loriot 17 Jahre lang für den „Stern“ gezeichnet hat. Reinhold, das Nashorn. Auf den Hund gekommen. Später die Sketche im Fernsehen – eine Liebeserklärung, die an einer Nudel scheitert, einer Nudel auf Loriots Lieblingsorgan, der Nase. Ein Mann, der im Wartezimmer des Arztes versucht, ein schiefes Bild gerade zu rücken. Ein Lottogewinner, Herr Lindemann, der mit dem Papst eine Boutique in Wuppertal eröffnet. Wum und Wendelin. Professor Grzimek, der über die Steinlaus spricht. Ein Jäger im Reisrand.

Das sind Klassiker, so, wie die Namen „Opa Hoppenstedt“ und „Müller-Lüdenscheid“ Klassiker geworden sind, ganz zu schweigen von „Lord Heskerth-Fortescue von Gwyneth Molesworth in Nether Addlethorpe“, dem Wort „Quallenknödel“ oder dem Satz „Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander“.

Vieles wird verschwinden, was heute hip ist oder gehyped wird, über Loriot wird man auch in hundert Jahren noch lachen.

Loriot hat als Zeichner angefangen, dann ging er ins Fernsehen, als älterer Herr drehte er sehr erfolgreich Kinofilme, zum Schluss inszenierte er, hochgelobt, Opern. Er war – nicht stilistisch, nur, was seine Bandbreite betrifft – Wilhelm Busch, Didi Hallervorden, Otto Waalkes und Katharina Thalbach in einer Person.

Die Wurzeln seines Humors aber lagen im Preußentum. Darüber, dass es kein Bundesland „Preußen“ gibt, konnte er sich aufregen. In seinem Wohnzimmer hingen die Bilder der Ahnen, auch ein Porträt Friedrichs des Großen, den er als frühen Verfechter des Toleranzgedankens bewunderte. Daneben standen Figuren von Möpsen, der Mops, sein Lieblingshund.

Loriots Großvater ist Chef der Leibkompanie des Kaisers gewesen und ein legendär lustiger Geschichtenerzähler, deshalb gehörte es zu seinen Aufgaben, dem Monarchen beim Essen auf amüsante Weise Gesellschaft zu leisten. Als der alte Loriot einmal nach den Witzen seiner Kindheit gefragt wurde, fiel ihm ein: „Unterhalten sich zwei preußische Offiziere. Sagt der eine, Kamerad, was haben Sie gestern gemacht? – Sagt der andere, ich bin in mich gegangen. – Und? – Ooch, nischt los.“

Der Vater, den er sehr liebte, war Polizeioffizier. Major. Ein gläubiger Christ, ein trotz seines Berufes sanfter Mann, der Taktgefühl für eine der wichtigsten Tugenden hielt. Auch der junge Vicco von Bülow hatte eine Offizierskarriere im Auge. Er war in Brandenburg an der Havel geboren worden, das humanistische Gymnasium besuchte er in Berlin und Stuttgart. Zeitweise, während der Scheidung seiner Eltern, lebte er im gemeinsamen Haushalt seiner Großmutter und seiner Urgroßmutter. Im Krieg wurde er Oberleutnant. Nach dem Krieg sattelte er um auf Humor, die andere Tradition des Hauses Bülow.

Eine Sekretärin des „Stern“ erzählte dem Arbeit suchenden Herrn von Bülow, der zuletzt als Holzfäller keine sehr erfolgreiche Figur gemacht hatte, bei einer Party, dass die Illustrierte dringend nach ein paar lustigen Zeichnern suche. Beim „Stern“ nahm Vicco von Bülow den Künstlernamen Loriot an, das französische Wort für den Pirol, das Wappentier der Bülows. Die Namensänderung hing mit familiären Rücksichten zusammen, mit Taktgefühl.

Es wurde zu einem Kennzeichen Loriots, eines hoch gebildeten, im Grunde konservativen preußischen Adeligen mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, etwas scheinbar Unmögliches zustande zu bringen: unaggressiven, liebenswürdigen Spott. Seine Figuren sind lächerlich und trotzdem sympathisch. Ihr Schöpfer mag sie. Er steht nicht über ihnen, sondern neben ihnen.

Loriot, sein Markenzeichen, Lieblingswitze seiner Kindheit - lesen Sie mehr auf Seite 2.

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