Zum Tod von Lucian Freud : Die Farben des Fleisches

Den Verfall mit Zärtlichkeit betrachten: Lucian Freud ist tot. Er liebte die Körper, auch seinen eigenen - und hat immer wieder Selbstporträts gemeldet.

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Der Körper ist ein schrecklich’ Ding. Freud in seinem Atelier, undatiert.
Der Körper ist ein schrecklich’ Ding. Freud in seinem Atelier, undatiert.Foto: dpa

Malt, als ob es euer letztes Bild ist, hat Lucian Freud seinen Studenten geraten. Die Aufgabe, die er vor mehr als vierzig Jahren einem Sommerkurs an der Norwich School of Art stellte, war ein Selbstporträt. Die Studenten sollten es im Wissen malen, bald zu sterben. Keines, das nur ein Schritt auf dem Weg, ein Versuch unter vielen ist. Sondern das endgültige: das enthüllendste, aussagekräftigste, glaubhafteste. Seid so schamlos, wie ihr könnt. Das war seine Aufgabe.

Es war auch die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Gerade in den letzten Jahren, als er schon mit dem Nachlassen seiner physischen Kraft kämpfte, hat er immer wieder Selbstporträts gemalt, nackte Selbstporträts, der alternde Mann in groben Malerschuhen, mit müdem, hängenden Fleisch, ein dürrer, bleich gewordener Körper, ein schwarzer, bodenloser Blick. Letzte Bilder, gnadenlos existenziell. Aber schamlos? Nein.

„Yes, the body is a hideous thing, der Körper ist ein schrecklich Ding“ hat John Updike 2006 in einem Gedicht für Lucian Freud geschrieben, „die Füße und Genitalien vor allem, das menschliche Gesicht ist nicht viel besser.“ Gesichter sind auch nur Körperteile, hat Lucian Freud gesagt, und damit begründet, warum seine Bilder den ganzen Körper so detailliert porträtieren wie andere nur Gesichter und darin Intimität und Nähe finden, nicht im Blick, aus dem man gewöhnlich den Charakter liest, sondern in den Falten und Polstern, der Weichheit des Fleisches, der Anspannung der Muskeln, in den Genitalien, die er ins Zentrum rückt, stolze Zeichen von Kraft und Männlichkeit, oder den schwellenden Brüsten der Schwangeren. „Flesh drags us down“, schreibt Updike, Fleisch zieht uns hinab. Lucian Freud hat es glorifiziert.

Maler des Fleisches und der Schamlosigkeit, diesen Ruf hat der Maler weg, seit er Mitte der Siebziger begann, mit fettem Pinsel kräftig aufzutragen, seit er sich Modelle suchte, die dem Schönheitsideal widersprachen – den Australier Leigh Bowery, Performancekünstler und bekannteste Drag Queen Londons, der mit seiner massigen Präsenz die Leinwand zum Bersten bringt, oder, noch extremer, die Finanzbeamtin Sue Tilley, deren grotesk voluminöse Figur Freud mit leuchtender Fleischfarbe zeigt, fein differenzierter Kolorierung, mit zart schimmernden bläulichen Adern und einem virtuosen Spiel von Licht und Schatten. Wer darin bloßen Effekt und Oberflächlichkeit sieht, verkennt die Intimität, die Freud in langen Sitzungen mit seinen Modellen aufbaut, als ob er in ein nie mehr endendes Zwiegespräch mit jedem Muskel, jeder Körperpartie träte.

Esther Freud, die britische Schriftstellerin und Tochter von Lucian Freud, hat in ihrem Roman „Gaglow“ eine Szene zwischen Maler und Tochter geschildert, die Tochter ist schwanger, der Vater porträtiert sie als Akt, die Tochter spottet über das Ergebnis, sie wirke wie eine Kanalschwimmerin mit „gargantuesken Brüsten“ und fragt sich: „Musste er die dicke blaue Vene an der Schulter auch noch vergrößern, vollkommen unnötig“? Der Roman ist verdeckt autobiografisch, forscht den Spuren der Familie in Deutschland, in Berlin und auf dem Sommergut Gaglow bei Cottbus nach, eine zärtliche, durchaus auch kritische Hommage. Unkompliziert war das Verhältnis zwischen Vater und Töchtern wohl nie.

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